Chiayi ist für taiwanische Verhältnisse klein. Mit rund 263.000 Einwohner:innen ist es die kleinste kreisfreie Stadt Taiwans – und für die meisten Reisenden vor allem ein Sprungbrett: Von hier startet die berühmte Alishan Forest Railway, die sich über spektakuläre historische Bahnschienen hinauf in Hochgebirge schlängelt, um Reisende zu Taiwan’s Tourismus-Destination Nummer 1 zu transportieren: Alishan.




Ich komme mit dem frühen Zug aus Tainan an. Die Fahrt dauert nur eine halbe Stunde und lässt mir keine Zeit zum Umschalten. Ich bin in Chiayi – aber nur körperlich. Mein Herz ist irgendwo in Tainan’s schmalen Gassen verloren gegangen, zwischen Tellern mit Streetfood und den Menschen, die den fremden Ort für mich binnen Stunden in ein zweites Zuhause verwandelt haben.
Ich fühle mich, als hätte ich Liebeskummer. Und gleichzeitig bin ich der glücklichste Mensch der Welt.
Sightseeing mit Herzschmerz
Eigentlich hatte ich einen Plan. Wie immer. Hatte mir Museen, historische Orte, Fahrradrouten zurechtgelegt. Chiayi will entdeckt werden – doch schon nach den ersten Stunden merke ich: Mein Kopf ist voll. Und zwar mit allem anderem, als dem Hier und Jetzt.
Trotzdem ziehe ich los. Ich besuche das charmante kleine Museum Of Old Taiwan Tiles, das historische Kacheln bewahrt und liebevoll in Szene setzt.



Dann schlendere ich durch das Hinoki Village, eine Ansammlung von Häusern aus der japanischen Kolonialzeit, die heute mit kleinen Cafés, Kunsthandwerks- und Souvenirlläden gefüllt sind. Es ist hübsch und ruhig, ganz im Gegensatz zur Gedankenautobahn in meinem Kopf.
Ich schwinge mich aufs Youbike und radle zum Chiayi Old Prison, einem der ältesten erhaltenen Gefängnisgebäude Taiwan’s. Ein Ort, der die Schwere in meiner Magengegend verstärkt und gleichzeitig historisch sehr spannend ist.
Ich bemühe mich wirklich, den Tag zu nutzen. Und doch: Nichts bleibt wirklich hängen. Ich sehe – aber ich speichere nicht ab. Mein Kopf hängt Tage zurück und hält sich am Erlebten fest.
Comfort food
Scheinbar geht es nicht nur mir so: Der Gruppenchat mit meinen Tainan-Freunden läuft heiß: Fotos von Essen, Updates von Zugfahrten, kleine Alltagsmomente. Beni ist an der Ostküste unterwegs. Jen bleibt noch etwas länger in Tainan, bevor sie nach Taipei zurückfährt. Und für Emily geht der Alltag in Taiwan’s Food Capital weiter.
Ich merke, wie leer sich Chiayi für mich anfühlt. Nicht, weil die Stadt nichts zu bieten hätte. Sondern weil ich gerade einfach nicht bereit bin, Neues aufzunehmen.
Also erlaube ich mir etwas Ungewohntes: Ich nehme das Tempo raus.

Nach all der Schlemmerei in Tainan, halte ich es in Chiayi schlicht: Ich wähle mittags und abends das leichte, unkomplizierte und günstige Essen an den vegetarischen Buffets, für die ich Taiwan so liebe. Diese zwei Adressen kann ich euch in Chiayi ans Herz legen: 樸素齋坊(林森店) und Kung Bin Vegetarian
Rückzug statt Reizüberflutung
Ich flüchte aus der Hitze des Tages und verbringe ein paar Stunden in meinem Hostel. Mache Wäsche, lasse Zeit vergehen und telefoniere das erste Mal seit drei Wochen mit meiner Mum über WhatsApp. Es tut gut, eine vertraute Stimme zu hören, mit der ich alles teilen kann, was mir im Kopf herumschwirrt.
Abends verlasse ich das Hostel noch einmal kurz, um ein paar Schritte über den Wenhua Road Nightmarket zu machen. Doch mir ist nicht nach Trubel und Völlerei. Egal, was ich heute versuche zu unternehmen, es wirkt blass im Vergleich zu den geteilten Erfahrungen der letzten Tage.
Unschöne Unterkunft
Mein Erlebnis im Walk Home Hostel trägt leider auch nicht dazu bei, dass ich mich besser fühle.
Positiv kann ich festhalten:
- Reibungslose Gepäckaufbewahrung
- Günstige Waschmöglichkeiten (allerdings ohne Trockner, ihr müsst eure Kleidung an Wäscheleinen auf der Dachterasse aufhängen.
- Top-Lage: In fünf Minuten seid ihr zu Fuß zum Bahnhof
Aber die Kehrseite wiegt schwer:
- Der Empfang ist kühl, fast genervt. Das Mädchen gibt mir eher das Gefühl, eine Last zu sein als ein zahlender Gast, der allein an einen weit entfernten Ort reist und sich gerne willkommen fühlen würde.
- Die Gemeinschaftsbäder sind schlecht belüftet, extrem heiß und feucht.
- Die Geräuschkulisse durch die Nähe zum Bahnhof ist enorm.
- Am schlimmsten jedoch: die Hygiene. Haare im Bad, für deren Beseitigung die Gäste selbst verantwortlich gemacht werden. Und der endgültige Tiefpunkt: Katzenfutter – Fleisch – auf der Küchenanrichte, dort, wo Gäste ihr Essen zubereiten. Für mich als Vegetarierin ein absolutes No-Go.
Ich beschwere mich. Es gibt eine Entschuldigung. Aber der Schaden ist angerichtet.



Spontane Planänderung
Der Abend bringt mir die klare Einsicht: Ich bin ausgebrannt. Der Gedanke, am nächsten Morgen einen umständlichen Bus zu einem abgelegenen Homestay in Shizhao zu nehmen, gibt mir anxiety. Ich schlafe eine Nacht drüber – und mache dann etwas, das für mich völlig unüblich ist.
Ich ändere meinen Plan.
Ich storniere meine Unterkunft in Shizhao und buche stattdessen ein Uber nach Fenchihu. Für 1.800 TWD (rund 52 Euro) ist es die teuerste Einzelfahrt meiner Reise. Aber jeden TWD wert. Der Weg ins Hochgebirge ist halsbrecherisch. Die Straße windet sich in engen Serpentinen den Berg hinauf, Regen und Nebel greifen nach unserem Auto, das die Fahrerin ruhig und souverän lenkt.
Ich sitze in meinem stillen Kokon, lasse mich tief in den Ledersitz sinken und denke während Palmen im Nebel am Fenster vorbeiziehen: Ich bin Backpackerin aus Überzeugung. Aber manchmal ist Komfort kein Verrat an Minimalismus – sondern Selbstfürsorge. Wenn man länger reist, kommt irgendwann einfach der Punkt, an dem man entkräftet ist. In solchen Momenten ist es definitiv eine feine Sache, sich den Luxus einer Abkürzung leisten zu können.
Durchatmen
Chiayi ist klein, unscheinbar, aber unverzichtbar auf dem Weg in die Berge. Es wird für mich zum Ort des Innehaltens. Ein Übergang zwischen zwei Kapiteln.
Im nächsten Artikel entdecken wir in Fenchihu zusammen die ersten Ausläufer der Nebelwälder in Taiwan’s zentralem Hochland, historische Eisenbahnen und machen Strecke in Richtung Alishan.
Dorthin, wo sich mein Blick wieder öffnet – und mein Herz langsam nachkommt.


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