Plötzlich ist er da: mein letzter Tag in KL. Zehn Tage sind vergangen, ohne dass ich wirklich gemerkt habe, wie schnell die Zeit verflogen ist.
Ich habe mich gerade erst wieder eingelebt – in die Stadt, den Rhythmus, das Leben hier. Und jetzt heißt es schon wieder Abschied nehmen.
Ich starte den Tag langsam. Mit einer kleinen Yoga-Session in meinem Apartment und selbst gemachtem Frühstück: Porridge mit Erdbeeren aus den Cameron Highlands, getoppt mit der weltbesten Passionsfrucht.
Dann geht es ans Packen und das wird komplizierter als gedacht. Ich habe Mühe, die vielen Geschenke zu verstauen. 20 Packungen Sambal-Gewürz, Tee für mich und meine Liebsten, ein Malaysia-Trikot, ein selbstgebasteltes Blumenbouquet – all diese Dinge wollen millimetergenau in meinem Backpack verstaut werden. Am Ende findet alles irgendwie Platz, aber es braucht Geduld und ein paar Umräumaktionen.
Latte Art in Chow Kit
Auf der Suche nach einem Café in der Nähe meines Condos stoße ich auf das 103 Coffee – Chow Kit. Dass es sich um ein super populäres Café handelt, das national und international mehrfach für seine Latte Art ausgezeichnet wurde, merke ich erst beim Betreten.
Mein Flat White mit elaboriertem Pferdemotiv im Milchschaum ist ein echtes Kunstwerk – und eine wunderschöne Hommage an mein chinesisches Tierkreiszeichen und das bevorstehende chinesische Jahr des Pferdes.
Ich bleibe länger als geplant, schreibe, beobachte und lasse die Seele baumeln. Schließlich bestelle ich mir noch eine leckere japanische Reisschale mit Aal (unagi don). Das Essen ist köstlich, leicht und ein angenehmer Ausgleich zum vielen stark gewürzten und frittierten Essen der letzten Tage. Und so günstig komme ich an Aal in Deutschland sicher so schnell nicht wieder heran.
Spontane Planänderung
Meine Bekannte, mit der ich am frühen Nachmittag verabredet war, sagt kurzfristig ab. Erst bin ich enttäuscht, dass meine Verabredung geplatzt ist. Ich hatte mich darauf gefreut und extra ein kleines Mitbringsel aus Deutschland organisiert. Aber ich verstehe und akzeptiere es und schon bald schlägt meine Stimmung in Euphorie um: Es ist mein letzter Tag in KL, ich bin gut genährt und ausgeruht und komplett frei in meiner Planung!
Das ist das Schöne am Alleinreisen: Ich kann jederzeit umdisponieren, ohne Rücksicht auf die Pläne und Erwartungen anderer. Kann mit unterschiedlichen Menschen Abenteuer an inspirierenden Orten erleben. Und gleichzeitig jederzeit weiterziehen, wenn es nicht mehr passt. Ich möchte immer dieses Leben führen.
Spontan buche ich mir eine weitere Massage bei Uroot in Chinatown, die Balsam für Seele und Körper ist. Schlürfe danach Kaffee und Tee im Kaffe 16, weil ich mich nicht zwischen beidem entscheiden mag.
Und sauge die vielen kleinen Alltagsmomente auf der Straße in mich auf: Die lachenden chinesischen Opas, die auf der Straße zusammensitzen. Den Straßenverkäufer, der seine Rambutan liebevoll mit Wasser abduscht, um sie vor der Hitze zu schützen. Die junge malaysische Frau, die im female only Bereich der MRT ihren Platz einer älteren chinesischen Dame anbietet.
Arbeiten in Malaysia
Diese Beobachtungen berühren mich. Und erinnern mich unweigerlich an 2011 zurück. Der Arbeitsalltag war geprägt von langen Pausen, gemeinsamen Teezeiten und viel sozialem Austausch: eine halbe Stunde Frühstück um 9:30, eine Stunde Mittag und mehrere Tee-Pausen am Nachmittag waren nicht unüblich.

Was zunächst paradiesisch klingt, wurde für mich schnell zur Herausforderung. Ich wollte mitarbeiten, Verantwortung übernehmen – wurde aber vorwiegend wie ein Gast behandelt. Auch mehrmalige Gespräche mit der Personalabteilung haben daran nichts daran geändert.
Ein echter Kulturschock und deutlicher Kontrast zu Deutschland, wo ich stets mit Arbeit eingedeckt wurde und die Mitarbeitenden dankbar für eine weitere helfende Hand waren. Heute sehe ich das alles entspannt. Es ist kein „besser“ oder „schlechter“ – einfach ein anderer kultureller Zugang zu Arbeit, Hierarchie und Miteinander. Damals hatte ich bisweilen aber schwer zu kämpfen – so ein Arbeitstag kann verdammt lang sein, wenn man nur auf Facebook surft oder in sein Notizbuch kritzelt!
TRX Exchange
Am Abend treffe ich meine liebe Freundin Elaine in der TRX Mall, einem neuen high end Shopping‑ und Lifestyle‑Center im Finanzdistrikt Tun Razak Exchange. Egal, wie viel Zeit man in KL verbringt, es gibt immer noch eine Mall, die man bisher nicht auf dem Radar hatte. Und kein Wunder, dass ich diese noch nicht kenne: Sie wurde erst 2023 eröffnet.
Da Elaine sich verspätet, flaniere ich eine Weile im kühlen Klima der Mall umher, bewundere die auch hier pompöse Weihnachtsdeko und besuche den beeindruckenden rooftop garden mit Blick auf die umliegenden Syscraper.
Die Mall bietet eine Mischung aus Luxus‑ und mittelpreisigen Marken; Die Designerlabels finden sich eher auf den oberen Ebenen, die erschwinglicheren Marken, Supermärkte und der Foodcourt weiter unten.
Wiedersehen über Schweinebauch
Nach anfänglichen Koordinationsproblemen in der weitläufigen Mall, schließe ich Elaine nach 14 langen Jahren endlich wieder in die Arme. Wir haben und damals in Penang kennenlernt, als wir beide noch Studentinnen waren und sie mich für ihre Uni in einem Starbucks interviewte.
Heute arbeitet sie im Finance-Bereich, lebt in KL und hat einen französischen Partner, den sie dieses Jahr in der Champagne heiraten wird. Um mich vor meiner Abreise noch zu treffen, ist sie extra früher aus ihrer Heimatstadt Penang zurück nach KL gefahren, wo sie über Neujahr ihre Eltern besucht hatte.
Sie lädt mich zu Nudeln mit Schweinebauch in dekadenter Weinsauce ein. Dazu gönnen wir uns salzige eggyolk bao und ein Slush-Getränk aus süßlichen roten Bohnen. Als wir Mitbringsel austauschen, erfahre ich auch den Grund für ihre Verspätung: Sie wollte mir unbedingt noch ein ang pao mit Pferdedesign fürs neue Jahr besorgen.
Da wir beide Jahrgang 1990 sind, ist unser Tierkreiszeichen das metal horse. Hier treffen typische Pferde-Eigenschaften wie Energie, Freiheit und Abenteuerlust mit der Stärke des Metall-Elements aufeinander. Man sagt Menschen dieses Zeichens nach, unabhängig, zielstrebig, charismatisch und resilient, teilweise aber auch stur zu sein.
2026, wenn du mal nicht unser Jahr wirst?
Walking and talking
Wir reden über Gott und die Welt, trinken Matcha Latte, flanieren durch die Mall und posieren im Außenbereich vor dem gigantischen Weihnachtsbaum, den die Marke Pop Mart gesponsort hat – ja genau, das sind die mit den Labubus.
Es ist erstaunlich, wie ähnlich die Themen sind, die uns Menschen überall auf der Welt beschäftigen. Wir tauschen uns über berufliche Verantwortung, toxische Firmen und hustle culture aus.
Elaine ist eine wahnsinnig ehrgeizige junge Frau. Sie hat als Kind eine chinesische Mädchenschule besucht mit der großen Ambition Ärztin zu werden. Stattdessen hat sie in den letzten Jahren im Finance-Bereich Karriere gemacht. Neben fünf chinesischen Dialekten spricht sie auch Französisch und sogar ein wenig Deutsch.
Nun wagt sie den Schritt, ihr eigenes business zu gründen und von KL nach Penang zurückzuziehen. Sie wird mit ihrem Mann zwischen Frankreich und Malaysia hin und her pendeln – da ist sie ganz die Finanzmanagerin: Einen Job mit europäischem Gehalt aufzugeben und für sie nach Malaysia zu ziehen, kommt nicht infrage.
Die Zeit vergeht wie im Flug und nach fünf gemeinsamen Stunden ist es Zeit, Abschied zu nehmen. Elaine stellt sicher, dass ich im richtigen Grab-Taxi lande und wir gehen unserer Wege. Mein Kopf und Herz sind voll und ich habe viel zu verarbeiten.
Bittersüßer Abschied
Am nächsten Morgen klingelt der Wecker viel zu früh. Ich will nicht gehen. Ich habe mich gerade wieder richtig eingegroovt, meinen Jetlag auskuriert, das Apartment im Griff und mich wieder in das Lebensgefühl von Malaysia eingefunden.
Nadila lässt es sich nicht nehmen, mich zum Flughafen zu fahren – zu meiner Überraschung sitzt ihre komplette Familie im Auto, als sie mich an meinem Condo einsammelt. Es ist still, als wir die leeren Autobahnen zum Flughafen entlang fahren. Die Kinder schlafen auf den Rücksitzen. Jede:r von uns hängt den eigenen Gedanken nach.
Der Abschied ist schwer. Wir können einander nicht in die Augen schauen, da sonst alle Dämme brechen und die Tränen frei strömen würden. Deshalb halten wir es kurz, aber unser WhatsApp glüht vom Moment der letzten Umarmung bis zum Boarding.
Mein erster Abschied von Malaysia war damals alles andere als „kurz und schmerzlos“. Er zog sich über Tage, ja sogar Wochen. All die unterschiedlichen Grüppchen, mit denen ich Freundschaft geschlossen hatte, ließen sich etwas einfallen, um mir einen gebührenden Abschied zu bereiten und übertrafen sich dabei gegenseitig.
Angie und Ray gingen in meiner letzten Woche noch einmal mit mir in all meinen Lieblingsrestaurants essen. Zwar beschwerten sie sich, dass ich dadurch zu ihrem Übergewicht beitrage, doch ich weiß, dass sie es mehr als gerne gemacht haben. Mit einem Grüppchen chinesisch-malaysischer Freunde besuchten wir in ein besonders gutes Fisch-Restaurant mit dem Konzept „one person, one fish“.
Mit Nadila und dem Team der F&E Abteilung ging ich ein letztes Mal in unserem geliebten Restaurant „Akasia“ zu Mittag essen, in dem wir freitags süße, kleine Bananen geschenkt und stets eine Orchidee an unserem Fruchtsaft gesteckt bekamen. Sogar der Kellner verabschiedete sich mit zahlreichen Erinnerungsfotos.
Auch die Grafik-Abteilung führte mich noch einmal zum Mittagessen aus und verewigte den Moment in Gruppenbildern. Sie gestalteten mir eine Abschiedskarte mit Fotos gemeinsamer Erlebnisse und den besten Wünschen für die Zukunft.
Das Vertriebsteam setzte den Verabschiedungen mit einem epischen 5-Gänge Dinner in einem chinesischen Luxusrestaurant und einer anschließendem Karaoke-Session die Krone auf. Das Dinner war formell und das Essen besonders: Es gab sogar gebratene Tauben. Nachdem sich der Ivan nach 2-3 Anstandsliedern schließlich höflich aus der Karaoke-Runde verabschiedete, kochte die Stimmung richtig auf. Chee-Wang bestellte uns eine ganze Karaffe irischen Whiskey und am Ende des Abends traf keiner mehr irgendeinen Ton. Episch!
Meinen letzten Tag in der Firma verbrachte ich ausschließlich damit, von Abteilung zu Abteilung zu gehen und mich ausgiebig und tränentreich zu verabschieden. Geschenke wurden überreicht und unzählige von Bildern geknipst. In der Fertigung bildeten sich regelrechte Menschenschlangen, weil mir jede:r noch einmal die Hand schütteln wollte.
Besonders einprägsam: Auch Nadila’s Chef Azmi wollte sich diese Abschiedsgeste nicht nehmen lassen. Das Dilemma: Sein muslimischer Glaube verbot ihm die nackte Haut einer Frau zu berühren, mit der er nicht verheiratet ist. Die Lösung? Seht ihr auf dem Bild.
Der Abschied von Nadila und ihrem Team fiel mir besonders schwer. Sie schenkten mir zum Abschied ein Malaysia-Fußballtrikot, das sie auch selbst an diesem Tag trugen, um mich daran zu erinnern, dass ich von nun an zum „Team Malaysia“ gehörte. Nadila und ich lagen uns lange in den Armen und versprachen uns ewige Freundschaft. Ich werde nie vergessen wie sie mir zitternd in den Armen lag und mit tränenerstickter Stimme flüsterte: I will never forget you.
Zuletzt wurde mir von der HR-Leiterin Ms Leong im Namen der Firma ein gerahmtes Bild überreicht, auf dem ich die Hand des Geschäftsführers Mr Toh schüttele. Nach einem Gruppenbild im Foyer kam mein Taxi. Von Angie verabschiedete ich mich zuletzt, da sie mir noch dabei half, mein Gepäck in den Kofferraum zu laden. Ich hatte mir einen zweiten Koffer zulegen müssen, allein um die vielen Abschiedsgeschenken zu transportieren. Angie war die erste Person, die ich bei meiner Ankunft in Malaysia getroffen hatte und die letzte die mich verabschiedete.
Als ich in den weiten Hallen des KLIA auf meinen Flug wartete, fühlte ich mich klein, leer und zugleich von Emotionen überwältigt. Einerseits war da eine unbändige Vorfreude auf meine Familie in Deutschland. Auf der anderen Seite zerriss mir der Abschied von dem mir lieb gewonnenen Alltag und seiner Akteure das Herz. Trotz großer Müdigkeit konnte ich die Trauer während der langen Rückreise nach Deutschland nicht abschütteln und auch Wochen später, als ich wieder in meinem Studentenzimmer saß, war die Sehnsucht nach Malaysia mein ständiger Begleiter.
Nun sitze ich ein zweites Mal in meinem Leben mit gebrochenem Herzen am KLIA. Die Melancholie begleitet mich auch diesmal wieder zurück in die Heimat. Bei meiner Zwischenlandung in Dubai sende ich mit meiner Familie munter Sprachnachrichten hin und her. In 2011 habe ich in Dubai von einem Bezahltelefon aus das erste Mal in drei Monaten einen Anruf nach Hause getätigt und konnte anfänglich kaum meine Muttersprache erinnern, die ich seither nicht benutzt hatte.
KL: Damals und heute
Malaysia und seine Menschen haben mein Herz genauso berührt, wie vor 14 Jahren. Wieder kehre ich als eine andere Daniela nach Deutschland zurück. Normalerweise freue ich mich nach Reisen auf mein Zuhause, meine Routinen. Diesmals ist es anders. Ich liebe meine Leben in Deutschland, doch im Moment ist da nichts als Schwere.
Dieses Fernweh in mir wir wohl niemals verschwinden. Meine Zeit in Malaysia hat mich als Anfang-Zwanzigjährige geformt und meine Persönlichkeit nachhaltig geprägt. Wenn ich zurückblicke, ist da vor allem Stolz. Stolz, dass ich mich in einem so komplexen kulturellen Kontext zurecht gefunden und Freunde fürs Leben gewonnen habe. Daraus ist eine Stärke in mir erwachsen, allen künftigen Herausforderungen des Lebens begegnen zu können. Für die Eindrücke und Erfahrungen, die ich sammeln durfte, werde ich bis an mein Lebensende dankbar sein.
Meine Rückkehr nach Malaysia in 2026 war keine Reise. Ich war keine Touristin. Sondern eine Besucherin, die in die Arme ihrer Freunde zurückgefallen ist, weich und sanft. KL hat mich mitgespült mit seinem Strom voll Leben. Späte Nächte. Späte Morgen. Ich bin einfach dem Rythmus gefolgt. Habe die Kontrolle abgegeben, an der ich sonst so gerne festhalte.
Meine Freunde sind ein Geschenk des Universums, das in Geld nicht aufzuwiegen ist. Ich bin unendlich dankbar, dass ich Malaysia erneut durch sie riechen, schmecken und erleben durfte.
KL, es war mir ein Fest. Wir sehen uns wieder. Das weiß ich gewiss.







































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