Alishan ist DER Sehnsuchtsort in Taiwan. Das auf circa 2.500 Metern gelegene Gebirge im zentralen Hochland der Insel zieht Menschen seit Jahrzehnten magisch an. Aus aller Welt pilgern sie hierher, um spektakuläre Sonnenaufgänge über einem Wolkenmeer zu erleben, durch jahrtausendealte Zypressenwälder zu wandern und mit der legendären Alishan Forest Railway zu fahren – einer der spektakulärsten Bahnstrecken Asiens.
Ich bin eine von ihnen. Meine Ankunft in Alishan fühlt sich an, als würde ich gelobtes Land betreten. Doch der Tourismus wirft Schatten, wie ich sehr bald schmerzlich feststellen werde.
Bahnfahrt ins Hochgebirge
Die Fahrt mit der Alishan Forest Railway ist ein absolutes Highlight, auf das ich nicht vorbereitet war. Die Bahnstrecke stammt aus der japanischen Kolonialzeit und windet sich über 71 Kilometer und 2.000 Höhenmeter von Chiayi hinauf ins Gebirge.
Ich bin zu Tränen gerührt während der Zug eine gemütliche Stunde lang durch die Urgewalt von Taiwans Zentralmassiv schaukelt. Eine freundliche Zugbegleiterin moderiert die Fahrt in Chinesisch und gebrochenem Englisch – und siehe da, sie verwandelt meinen Stehplatz im Handumdrehen in einen luxuriösen Sitzplatz am Fenster.
Ich kann mein Glück nicht fassen!
Ich habe gerade einen Lauf und bin stolz, dass ich es bis hierher geschafft habe. Denn: Taiwan auf eigene Faust zu bereisen ist unglaublich lohnenswert und ich möchte mit diesen Blogposts wirklich jede:n dazu ermutigen. Aber es ist auch herausfordernd. Genau deshalb fühlt sich jeder erreichte Ort für mich wie ein kleiner persönlicher Triumph an.
Wenn schlafen arm macht
Ich beschließe, eine Nacht in Alishan zu bleiben, um den Ort wirklich wirken zu lassen. Günstig ist das nicht. Dafür, dass Alishan die heißeste Touristenattraktion Taiwans ist und zu jeder Zeit im Jahr Besuchermassen anzieht, gibt es erstaunlich wenige Hotels im Nationalpark. Und die machen von ihrem Monopol schamlos Gebrauch, indem sie saftige Preise für mittelmäßigen Standard aufrufen.
Eigentlich wollte ich das boykottieren. Aber ich habe keine Energie mehr, um von Ort zu Ort zu hetzen und möchte an diesem Punkt meiner Reise einfach Entschleunigung und Komfort. Deshalb schlucke ich die Kröte und buche mich im Ying Shan Hotel ein.
Die Bewertungen hatten mich gewarnt. Und sie sollten recht behalten.
Die Lage ist natürlich gut, das Bett für mein Empfinden bequem, die Dusche heiß und das Zimmer sauber. Doch das Gebäude ist wirklich alt und marode, es riecht aus den Abflüssen und der Teppich ist schauderhaft. Die Räume sind kalt, hellhörig – und vor allem fehlt ihnen die Seele. Ich frage mich, wohin das viele Geld der Tourist:innen geht, denn in die Instandhaltung der Anlage fließt es ganz sicher nicht.
Beim Check-in gibt es keinen Service, keine Infos und kein Willkommen. Pay and go ist hier die Devise. Zu Sonnenaufgangstouren und Wanderwegen solltet ihr selbst recherchieren, sonst kommt ihr zu nichts.
Selbst die Gepäckaufbewahrung ist fahrlässig – meine Tasche steht stundenlang für jedermann zugänglich in der Lobby. Für Backpacker:innen vielleicht egal, für Leute, die mit teurem Kofferinhalt reisen, ein Risiko. Alles in allem fühlt sich alles wie ein extrem teures Self-Service-Erlebnis an.
Morgenstunde im Besucherpark
Der nächste Morgen ist klar und sonnig. Kein Regen, welch ein Geschenk. Auf über 2.000 Metern ist es frisch und warmes Wasser bietet mein Horror-Hotel nur zwischen 11:00 und 16:00. Wie gut, dass ich am Vorabend geduscht habe.
Ich hüpfe trotzdem voller Entdeckungslust aus dem Bett und steuere den höchstgelegenen 7/11 Taiwans an, um mich mit Snacks einzudecken. Mit einem frisch gebrühten Kaffee sitze ich auf der Bank vor dem Geschäft, journale und beobachte, wie die ersten Busse vom Besucherparkplatz abfahren. Die Polizei holt sich ihr Frühstück. Ich liebe diese stillen Morgenstunden. Sie sind meine Konstante, überall auf der Welt.
Dann öffnet das Frühstücksbuffet, für das mir mein Hotel einen Voucher gegeben hat. Und hier kippt mein friedlicher Morgen.
Kampf gegen mich selbst
Das Buffet ist reinste Massenabfertigung. Offenbar schicken viele, wenn nicht alle Hotels am Ort ihre Gäste hierher. Es hilft nichts: Ich brauche eine Grundlage für meine Wanderung, also boxe ich mich durch. Das Essen wirkt solide und ich schlage ordentlich zu: Bao Bun, Nudeln, Gemüse, Ei, warme Sojamilch.
Es dauert keine 15 Minuten, bis sich mein Magen zusammenkrampft. Mit jedem Schritt entlang der Straße nach Chaoping, werden die Schmerzen stärker. Bald ist es so schlimm, dass ich nicht mehr aufrecht stehen kann. Mir wird heiß und ich breche in Schweiß aus.
Ich rette mich gerade noch zur Chaoping Station, bevor ich mich übergeben muss. Ich bin allein an einem abgeschieden Ort, körperlich schwach und fühle mich hilflos. Aber meine innere Stimme sagt mir mit bewundernswerter Ruhe und Klarheit: Das Essen war verdorben. Jetzt ist es raus. Jetzt wird es besser.
Ich benachrichtige zur Sicherheit meine Eltern – und gehe dann vorsichtig weiter.
Es ist trotzig und vielleicht ein bisschen dumm. Aber mein Ehrgeiz gewinnt in solchen Momenten die Oberhand. Ich lasse mir diesen magischen Ort nicht ruinieren, für den ich so weit gereist bin und so viel auf mich genommen habe. Nicht von einem schäbigen Hotel, das mit einem schäbigen Buffet unter einer Decke steckt. Ich räche mich mit einer gesalzenen Google-Rezension und marschiere weiter.
Und wieder kann ich mich auf meine Intuition verlassen. Ich fühle mich mit jedem langsamen Schritt besser. Fülle meinen Wasserhaushalt wieder auf. Esse Mittags eine gegarte Süßkartoffel. Später eine Banane. Alles ist wieder gut. Mein Körper ist ein Wunderwerk und mein Reise-Schutzengel macht seit vielen Jahren einen verdammt guten Job.
Später lese ich in den Rezensionen: Ich bin leider kein Einzelfall.
Es ist das Reiseklischee schlechthin – seit einem Monat futtere ich mich in den letzten Winkeln der Insel durch Straßenimbisse und Garküchen. Und dann erwischt es mich ausgerechnet hier am Hotel-Buffet. Ein wirklich bitteres Erlebnis.
Key take-away: Frühstückt einfach beim netten Onkel von 7/11.
Giant Tree Trail
Alishans Wälder umfangen mich mit einer beruhigenden Umarmung. Ich bin umgeben von Stille und Sonnenlicht. Nur ich und Mutter Natur. In den frühen Morgenstunden gibt es keine Tourist:innen und ich bin alleine mit Alishans Baumriesen. Die Wege sind perfekt ausgebaut und gut markiert. Ich fühle mich sicher und kann mich entspannen.





Ich fühle mich wie in einem Computerspiel, das ich als junges Mädchen gerne gespielt habe. Darin führt man eine der Hauptfiguren durch einen Zauberwald, in dem moosbedeckte Steine und Bäume zum Leben erwachen.


Ich koste meinen Vormittag voll aus, wandere zu den Sister Ponds, stoppe am Alishan Shouzhen Temple und laufe eine ausgedehnte Runde über den Giant Tree Cluster Trail. Bäume wie hier habe ich noch nie gesehen: Der circa 2.300 Jahre alte Xianglin Giant Tree und 38 weitere Baumriesen enlang des Weges entziehen sich jeglicher Beschreibung.
Meine Kamerafotos sind gut, aber fangen die Anmut und Größe dieser uralten Lebewesen einfach nicht ein. Alishan ist ein Kraftort. Der Begriff mag abgenutzt sein, aber hier stimmt er.








Im buddhistischen Ciyun Tempel rezitiert eine Nonne Mantren, während sie um einen Teich läuft. Sie fängt meinen Blick auf und schenkt mir ein Lächeln.
Am Ende des Trails kaufe ich an der Sacred Tree Station für 100 TWD ein Rückfahrticket zum Besucherparkplatz. Alle, die kein Ticket für die Alishan Forest Rail ergattern konnten, haben hier die Möglichkeit, einen kurzen Eindruck von diesem charmanten Erlebnis zu bekommen.
Idylle sucht ihr hier aber vergeblich. Eine laute Reisegruppe stürmt in mein Zugabteil und verhält sich total rücksichtslos. Sie posieren für Fotos, in denen ich ungewollte Statistin bin, brüllen „ee, er, san“ in Dauerschleife.
Ich bin genervt. Die Stille ist weg und mit ihr die Magie dieses einigartigen Ortes. Alishan erinnert mich daran, dass selbst die schönsten Orte ihre Schattenseiten haben. Und dass frühes Aufstehen einfach eine Superpower ist.
Weiterfahrt im Holper-Bus
Nach 4,5 Stunden habe ich alle Hauptattraktionen des Nationalparks gesehen. Mehr Zeit wäre schön gewesen – zum Beispiel, um eine Sonnenaufgangstour einzubauen. Doch ich bin zufrieden,
Um 13:00 fährt der einzige Bus des Tages zum Sun Moon Lake – dem letzten Stopp meiner Inselumrundung, bevor es zurück nach Taipei geht.
Good to know: Die Busstation von Alishan ist schlecht ausgeschildert, aber mit Google Maps findet ihr sie. Achtung: Es ist auf Maps noch ein 7/11 eingetragen, den es inzwischen nicht mehr gibt. Snacks für die Busfahrt müsst ihr im Tourist Village besorgen. Mein dringendes Bedürfnis nach Kaffee bleibt ungestillt. Besser für meinen Magen ist es!
Da nur ein Bus am Tag nach Sun Moon Lake fährt, ist es mehr als ratsam ein Ticket im Voraus zu buchen. Den umständlichen und wirklich nicht zeitgemäßen Prozess beschreibt Nick Kembel auf seinem hervorragenden Blog hier. Von anderen Reisenden habe ich gehört, dass ihnen ihr Hotel bei der Reservierung geholfen hat.
Ihr könnt die Busfahrt entspannt mit der Easy Card zahlen. Vergesst nur nicht beim Ein- und Aussteigen am Lesegerät an der Tür einzuchecken. Ihr zahlt damit übrigens auch weniger, als wenn ihr die Karte beim Busfahrer löst.
Wie es der Zufall will, ist wieder ein Reisender aus Deutschland an Bord: Marcel arbeitet in der Forschung im Bereich Künstliche Intelligenz und Robotik. Sein befristeter Vertrag ist gerade ausgelaufen und er nutzt die Chance, um zu reisen, bevor er sich in die Bewerbungsphase stürzt.
Wir stellen amüsiert fest, dass wir im selben Hotel in Alishan genächtigt haben. Nur war er so schlau und hat das Frühstücksbuffet ausgelassen. Er hat morgens zwar nur Toast ohne alles gegessen, musste sich dafür aber nicht mit Magenkrämpfen herumschlagen.
Das letzte Kapitel
Wir jagen durch Regen und Nebel, fahren entlang horrend steil abfallender Hänge und durch ins Bergmassiv gedrillte Tunnel. Viel schneller als mir lieb ist, lassen wir das gelobte Land hinter uns zurück.
Das berühmte Alishan hat mir viel abverlangt: körperlich, mental, finanziell. Schöne Orte haben eben ihren Preis. Für keinen scheint das so zutreffend zu sein, wie für diesen.
Ich schließe in einer Übersprungshandlung die Augen und sinke in oberflächlichen Schlaf. Als ich sie wieder öffne, rollen wir eine Stunde früher als geplant am Sonne-Mond-See ein. Das letzte große Kapitel meiner Taiwan-Reise beginnt.




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