Noch gestern kurvte ich mit dem Fahrrad durch Taitungs weite Parks und ließ mir den Pazifikwind um die Nase wehen. Heute sitze ich im klimatisierten Tourbus – und bin die einzige Ausländerin an Bord. Nach stundenlanger Online-Recherche und dem Übertragen chinesischer Websites in Google Translate habe ich es geschafft, ein Ticket für den 8101A Sightseeing-Bus entlang der Ostküste zu kaufen. Eine simple Buchung, die sich anfühlt wie ein großer Triumph.
Taiwan ist ein Land, das Reisenden unglaublich viel zu bieten hat – und doch erstaunlich wenig auf internationale Touristen eingestellt ist. Die Worte des Schweizers aus der Hostellobby klingen mir in den Ohren: „Man findet im Internet hier keine nützlichen Infos“.
Da bin ich anderer Meinung: Taiwan mag nicht auf Individualreisende aus dem Ausland eingerichtet sein. Gruppenreisende Einheimische werden sehr wohl mit touristischen Angeboten versorgt. Und genau ein solches habe ich aufgestöbert!
Ticket ins Ungewisse
Kein Wunder also, dass sich in die Warteschlange für den Bus ausschließlich einheimische Reisegrüppchen einreihen. Das Ergebnis meiner Buchung ist nicht etwa ein Ticket. Ich habe lediglich eine Email auf Mandarin bekommen, in der sich irgendwo eine Nummer versteckt. Als der Busfahrer meinen Screenshot mustert, nickt er kurz. Ich darf mitfahren. Puh.

Dann – ein Déjà-vu-Moment: Ein westlich aussehender Mann reiht sich in die Warteschlange ein. Es ist der verschwitzte Wanderer vom Liyu Mountain Park! Und siehe da: Er kommt auch aus München! In meiner Wahlheimat neue Leute kennenzulernen ist gar nicht mal so leicht. Man muss dafür offenbar erst um die halbe Welt fliegen. Im Gespräch stellt sich heraus, dass er als Beamter in einem Ministerium arbeitet. Solche Geschichten schreibt wirklich nur das Reisen. Unsere Bubbles sind so grundverschieden, dass wir uns in der Heimat vermutlich nie über den Weg gelaufen wären.
Service im Blut
Ich fühle mich sofort ein bisschen wohler. Noch wohler sogar, als ein taiwanisches Pärchen im mittleren Alter mich in flüssigem Englisch anspricht und mir für den Rest des Tages nicht mehr von der Seite weicht. Die beiden sind Goldschätze. Joyce ist Taiwanerin und ihr Mann kommt aus Hong Kong. Beide sind 18 Jahre verheiratet und arbeiten in der Luxus-Hotellerie auf Hawaii.
Und Service liegt ihnen im Blut. Sie machen es sich für den Rest des Tages zur Aufgabe, für uns zu übersetzen, was der Reiseleiter erzählt, uns zu fotografieren und sorgen sogar dafür, dass im Seafood-Lokal mittags genug Fisch in unseren Suppen landet. Der Mann geht dafür sogar in die Küche des Restaurants und schaut dem Koch skeptisch auf die Finger, als er unsere Portionen zubereitet. Ich kann es nicht fassen!
Ich lehne mich zurück und bin gespannt, wohin mich dieser Tag führt – ohne Google Maps, ohne Sprachkenntnisse, dafür mit jeder Menge Neugier. Neben mir dösen meine taiwanischen Mitreisenden, während der Guide vorne mit ungebrochener Begeisterung in Mandarin ins Mikrofon spricht. Ich verstehe kein Wort, aber seine Energie ist ansteckend.
Geografie mit Geschichte
Der Bus 8101A fährt um 8:45 pünktlich am Bahnhof Taitung ab und bringt uns um 17:00 wieder dorthin zurück. Für wirklich kleines Geld fahren wir den ganzen Tag die Ostküste hoch und runter. Der Guide steigt mit uns an jeder Station aus und gibt Erklärungen. Ich habe das Gefühl, für die investierte Lebenszeit bei der Recherche das Doppelte und Dreifache an Gegenwert zu bekommen. Was ihr auf Plattformen wie Klook findet ist lächerlich überteuert. Und ganz sicher weniger authentisch.



Unser erster Halt ist der Küstenabschnitt Xiaoyeliu – dramatisch geformte Felsen, vom Wind und den Wellen über Jahrtausende zu Kunstwerken geschliffen. Die beeindruckenden Gesteinsformationen sind mit Aussichtspunkten und Spazierwegen verbunden. Ich stehe auf den rauen Steinen, der Wind pfeift mir um die Ohren, und fühle mich klein in dieser großen, wilden Welt.
Indigene Kultur
Weiter geht es zum Amis Folk Center, ein 1995 gegründetes Zentrum, das den Traditionen der indigenden Volksgruppe der Amis gewidmet ist. Der Landkreis Taitung hat den höchsten Anteil indigener Bevölkerung in Taiwan, darunter Amis, Bunun, Paiwan, Puyuma, Rukai, Yami und Kavalan.




Auf dem weitläufigen Gelände stehen Nachbildungen traditioneller Häuser, es gibt Ausstellungen und man kann Kunsthandwerk erwerben. Ab und zu gibt es wohl auch ein gastronomisches Angebot und traditionelle Tanzvorführungen. Heute ist es ruhig, die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel und keine Brise erfrischt die sengende Hitze.
Fischmarkt von Chenggong
Bei unserem nächsten Stopp, den Chenggong Fishing Harbor, mischen sich in mir Faszination und Beklemmung. Wir werfen einen Blick hinter die Kulissen eines traditionellen Fischmarktes. Hier finden Thunfisch-Auktionen nicht mitten in der Nacht, sondern Mittags statt. Ich bekomme die kostbare Möglichkeit, Zaungast zu spielen. Es ist sicher der typisch taiwanischen Gelassenheit und Offenheit geschuldet, dass wir als Ausländer:innen hier überhaupt geduldet werden. Sogar Fotos dürfen wir nach kurzer Rückfrage machen.



Die Auktion ist nichts für schwache Nerven. Thunfische, Haie und Schwertfische liegen frisch gefangen auf dem Boden, während Händler ihre Preise verhandeln. Ich stehe mit meinen Sandalen im Blut der Tiere, fasziniert und erschrocken zugleich. Es riecht nicht unangenehm nach Fisch, da alles ausnahmslos frisch und hygienisch ist. Aber ich bin auch nicht böse, als es an der Zeit ist, weiterzuziehen.



Wir lunchen in einem Fischrestaurant, das unser Reiseguide uns empfohlen hat. Ich lese zwischen den Zeilen, dass Joyce und ihr Mann nicht 100% überzeugt sind. Wir zwei Münchner sind mit unserer fehlenden Kenntnis der lokalen Nuancen happy. Ich mit meiner Fischsuppe, die nach der engmaschigen Überwachung durch Joyce’s Mann genau die richtige Balance aus Flüssigkeit und Einlage hat. Und mein Landsmann mit seiner Sashimi-Platte, die er sich entgegen der subtilen Hinweise von Joyce bestellt hat, dass sie rohen Fisch ja zur Sicherheit nur in Japan essen würde.
Acht Bögen
Neben dem Fischmarkt ist mein Tageshighlight sicherlich die Sanxiantai Arch Bridge. Die beeindruckende Brücke verbindet mit acht gigantischen Bögen die Küste und eine kleine, vorgelagerte Insel. Sie erinnert an eine sich aus dem Ozean emporschlängelnde Drachenkreatur und macht es möglich, die Insel auch bei Flut zu erreichen.





Abgesehen davon, dass die Brücke ein herausragend schönes Fotomotiv ist, macht es mir Spaß, die acht Bögen zu überqueren und die beeindruckende See auf mich wirken zu lassen, die mich von allen Seiten umgibt. Die ganze Insel kann in zwei Stunden umwandert werden und ist Teil des Sanxiantai Naturschutzgebiets. Der Pazifik glitzert in der Sonne. Hier würde ich gerne Stunden verbringen, einfach sitzen, schauen, atmen. Doch wie das bei Gruppentouren nun mal so ist: Wir sind durchgetaktet und müssen zuürck nach Taitung. Das Wetter sitzt uns im Nacken: Regen ist vorhergesagt.
Bergauf fließen
Bevor das Wetter endgültig umschlägt, stoppen wir auf dem Rückweg nach Taitung noch an einer skurillen Sehenswürdigkeit, die sich Water Running Upward nennt. Es handelt sich dabei um einen ehemaligen Bewässerungskanal der Amis, in dem das Wasser bergauf zu fließen zu scheint.
Unser Guide demonstriert es mit Blättern, die tatsächlich nach oben zu treiben scheinen. Wie ist das möglich? Ich muss euch leider enttäuschen. Hier werden nicht die Gesetze der Physik ausgehebelt. Es handelt sich nur um eine optische Täuschung: Das Wasser fließt nach unten. Da der Fußweg und die Straße daneben jedoch in einem steileren Winkel abwärts verlaufen als der Kanal, scheint das Wasser im Vergleich dazu bergauf zu fließen.
Habt ihr nicht ganz verstanden? Ich auch nicht. Ist aber auch egal. Ich freue mich an der Kuriosität dieser „Sehenswürdigkeit“ ohne sie weiter zu hinterfragen. Ich denke, das ist einer dieser Orte, die man selbst sehen muss, um die Faszination zu verstehen.
Schlummern im Regen
Ich bin entzückt. Mittlerweile aber auch hundemüde vom stundenlangen Erkunden in der Hitze, den vielen kulturellen Eindrücken und dem Sprachenwirrwarr. Der Regen setzt ein und ich schließe die Augen. Mein Kopf ist voller Bilder: von geschwungenen Drachenrücken, imposanten Gesteinsformationen und dampfender Fischsuppe. Dazu lachende Menschen, deren unterschiedliche Geschichten sie heute alle an diesen Punkt gebracht haben, um ein paar unbeschwerte Stunden miteinander zu verbringen.
Mein Handy zeigt 17 Uhr, als ich von meinem Nickerchen erwache und wir zurück in den Bahnhof von Taitung rollen. Und morgen beginnt bereits ein neues Abenteuer: Es geht hoch hinauf in Taiwans Zentralmassiv, wo mich eine mehrtägige Wanderung zu einem der schönsten Seen des Landes bringt: dem Jiaming Lake.



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