Full-circle in Taipei: Mein Taiwan-Abschied

Manchmal merkt man erst am Ende einer Reise, was sie wirklich mit einem gemacht hat. Nicht beim letzten Tempel. Nicht beim letzten Aussichtspunkt. Sondern an einem Abend, an dem man nichts mehr „abhaken“ muss und einfach nur da ist.

Mit der Busfahrt zurück nach Taipei schließe ich meinen Loop um die Insel. Vier Wochen, einmal rundherum, von Nord, nach Ost, nach Süd, nach West.

Die Fahrt verläuft reibungslos, und bei unserer pünktlichen Ankunft an der Taipei Bus Station hilft mir der Busfahrer sogar, meinen großen Rucksack zu schultern. Eine kleine Geste und doch so typisch für dieses Land.

Die Wege mit meinen Mitreisenden aus den USA und dem UK trennen sich wortlos. Eine dieser flüchtigen Reisebegegnungen, die für kurze Zeit entstehen und dann wieder verschwinden. Ich mache mich ohne weitere Umschweife auf den Weg und laufe allein, durch strömenden Regen, zum letzten Hostel dieser Reise.

Der Kreis schließt sich

Morgen fliege ich zurück nach München.
Und ich kann kaum glauben, wie schnell dieser Monat vergangen ist.

Ein Teil von mir ist traurig. Ich habe mich an Taiwan gewöhnt. An die Widersprüche, das Chaos, die Ruhe. Ich habe das Land fundamental in mein Herz geschlossen.

Der andere Teil ist müde. Müde vom Rucksacktragen, vom Leben aus Taschen, von Schlafsälen. Ich vermisse Routinen, Sport, das Kochen. Und ehrlich gesagt: Meine Reisekasse möchte dringend für neue Abenteuer aufgefüllt werden.

Ich checke in Lichtgeschwindigkeit im Hostel ein und verliere keine Zeit, um zu Kinokuniya zu pilgern, wo ich meiner Leidenschaft für japanische Schreibwaren fröne.

Dinner in einer Dumpling-Institution

Am Abend wartet dann der perfekte Abschluss auf mich: ein herzliches Wiedersehen mit Jen, meiner taiwanischen Freundin aus der Tainan Reise-Clique. Wir treffen uns beim Xinsheng Ableger der Dumpling-Institution Din Tai Fung.

Good to know: Din Tai Fung ist eine einer Institution, die ihren Ursprung in Taipei hat und heute weltweit für ihre handgemachten Dumplings bekannt ist. Spezialität: Xiaolongbao, Suppen-Dumplings mit exakt 18 Falten. Die Herstellung kann man durch die verglaste Küche im Erdgeschoss des mehrstöckigen Gebäudes beobachten. Normalerweise steht man hier lange an. Heute nicht. Wir haben Glück und bekommen direkt einen Tisch.

Jen und ich sind uns einig: Das Essen ist total in Ordnung, aber wir haben beide schon bessere Dumplings gegessen. Und 32 Euro pro Person sind ein Preis, der im taiwanischen Kontext einfach nicht passt.

Din Tai Fung ist für mich vor allem eines: eine niedrigschwellige Möglichkeit für Ausländer:innen, um die taiwanische Dumpling-Kultur kennen zu lernen und ein Statussymbol für Locals. Alle drei Stockwerke des Restaurants sind voll besetzt. Geschäftsleute mit internationalen Gästen, Familien, ältere Alleinessende. Der Service ist makellos, dreisprachig und perfekt getaktet.

Doch das Restaurant ist für uns ohnehin nur Kulisse: Wir haben viel Gesprächsstoff.

Zwischen zwei Welten

Jen wurde in Taiwan geboren, hat aber viele Jahre in Kanada gelebt und gearbeitet – im HR-Bereich, als Grafikdesignerin und zuletzt auch als Konditorin. Vor drei Monaten ist sie zurück nach Taipei gezogen, in eine Mietswohnung nahe dem Elternhaus. Aktuell gibt sie Kindern Englisch-Nachhilfe und überlegt, wie ihre nächsten beruflichen Schritte aussehen sollen.

Ost und West. Jen steht mit einem in jeder der beiden Welten. Zwischen Konformität und kritischem Hinterfragen. Zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und Selbstverwirklichung.

Wir sind beide 34 und in derselben Lebensphase: Beruflich suchend, emotional selektiv. Auf der Suche nach Überlebensstrategien im Großstadt-Dschungel mit zu vielen Optionen und zu wenig Commitment.

Taiwanische Beauty-Rituale

Da wir die großen Fragen des Lebens mit Mitte 30 an diesem Tisch heute Abend wohl nicht gelöst bekommen, tun wir, was immer hilft: Zeit für Selfcare – im Taipei-Stil, versteht sich.

Somit landen wir spätabends in einem Friseursalon im ersten Stock eines Hochhauses, in dem ich garantiert die erste Nicht-Taiwanerin bin. Als „hairwash“ getarnt, bekomme ich die göttlichste Kopfhautmassage meines Lebens – für umgerechnet 13 Euro.

Mein Haar fühlt sich danach an, als würde es zwei Zentimeter über meiner gut durchbluteten Kopfhaut schweben. Jens lange, schwarze Haare glänzen nach dem Föhnen atemberaubend. Sie ist einfach ein wunderschöner Mensch – innen wie außen.

Mutprobe auf dem Nachtmarkt

Natürlich endet ein richtiger taiwanischer Abend nicht mit nur einer Mahlzeit.
Wir fahren zum Rahoe Night Market. Ich war schon einmal hier, doch mit Jen erlebe ich den Nachtmarkt noch einmal ganz anders. Mit Jen sehe ich die Details, die Menschen, ihre Rituale.

Wir stöbern durch schräge Dollar-Shops und stellen amüsiert fest, dass man in Taiwan keine Hüllen, wenn man nicht in Besitz eines iPhones ist.

Zum krönenden Abschluss des Abends, wartet eine Erfahrung auf mich, ohne die ich das Land nicht verlassen darf. Vor mir steht ein intensiv riechender Teller mit Stinky Tofu.

Durch die monatelanges Fermentieren entwickelt der Tofu einen Geruch, den man bestenfalls als intensiv beschreiben kann. Unangenehm zieht er euch schon von weitem in die Nase, wenn ihr arglos durch Taiwans Straßen geht. Ich könnte jetzt Vergleiche mit alten Socken oder Abwasser anstellen, belasse es aber diplomatisch bei „unangenehm“. Ich habe mich 4 Wochen lang erfolgreich vor einer Verkostung gedrückt.

Aber ich vertraue Jen. Also probiere ich.

Mein Tasting ist sorgfältig auf Video dokumentiert. Ich glaube, dass es ein diebisches Vergnügen für Taiwaner:innen ist, ausländische Besucher:innen beim Verkosten dieser besonderen Spezialität zu beobachten.

Mein Fazit: 7/10.

Es schmeckt ganz anders, als es riecht – vor allem nach Knoblauch. Außen frittiert, innen weich. Zusammen mit Kimchi schaffen wir die Portion. Ich mache einen Haken hinter dieses Must-do.

Zur Belohnung gibt es ein göttliches shaved ice mit Mochi-Bällchen und Erdnussfüllung hinterher. Lecker, fotogen, perfekt. Ich verstehe, warum Raohe Jens Lieblingsnachtmarkt ist.

Abschied mit Herz

Es wird spät und wir können den Abschied nicht länger hinauszögern. Jen nimmt extra einen Umweg mit der MRT auf sich, um mich so weit wie möglich zu meinem Hostel zu begleiten. Kurz vorher überreicht sie mir ein Abschiedsgeschenk, mit dem ich nicht gerechnet habe.

Typisch taiwanische Snacks wie Yakult, Flan, Pineapple-Cakes und Scallion Cracker begleiten eine liebevolle, selbst designte Postkarte. Darauf sind wir vier Freunde aus Tainan abgebildet. Und Symbole all unserer Insider-Jokes: große und kleine Fische, Laternen und lange Beine. Und natürlich der Chikan – aka Chicken Tower.

Mein Herz quillt über vor Dankbarkeit.

Fazit: Taiwan, einfach anders

Menschen wie Jen haben den Wegpunkten meiner Reise Seele verliehen. Die Erfahrungen für mich vertieft, verankert, für immer unvergesslich gemacht.

Taiwan ist kein leichtes Reiseland für Individualreisende aus Europa.

Hier ist noch nichts glattgebügelt.
Noch nichts für uns optimiert.
Noch nichts überlaufen.

Sich durchs Land zu bewegen ist herausfordernd, manchmal anstrengend, oft verwirrend. Aber für Menschen und Momente wie diese lohnt es sich, all die Anstrengungen in Kauf zu nehmen. Immer und immer wieder.

Nach tagelangem Regen scheint am Tag meiner Abreise die Sonne. Mein Herz brennt und ich will nicht gehen.

Ein Monat. Ein volles Tagebuch. Ein Kopf, ein Herz, eine Seele voller Erinnerungen.

See you again next time, Taiwan.

On my way home
Verfasst von:

Hallo! Mein Name ist Daniela. Ich arbeite im Marketing und lebe in München. Wenn ich nicht gerade arbeite oder reise, übe ich traditionelle Kampfkunst, Yoga oder mache Wanderungen in den bayerischen Voralpen. Schön, dass du hier bist und Teil meines Weges sein möchtest.

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert