Goldgräber-Romantik: Ein Tag in Jiufen und Jinguashi

Nach einer Woche in und um Taipei zieht es mich zum ersten Mal hinaus aus Taiwans größter Stadt. Ich bin neugierig auf die Nordküste, wo sich die Berge ins Meer stürzen und die Wolken so tief hängen, dass sie die Dächer historischer Häuser streifen. Mein Ziel: Jiufen und Jinguashi, zwei Orte, deren Geschichte so wechselhaft ist wie das taiwanische Wetter.

Jiufen ist eine ehemalige Goldgräberstadt, die im Laufe der Zeit und mit der Erschöpfung der Goldbestände in der Umgebung in Vergessenheit geraten ist. Bis eine schicksalhafte Wendung den Regisseur Hou Hsiao-Hsien dazu brachte, den Film „A City of Sadness“ an dem verschlafenen Örtchen zu drehen. Nicht nur fand der Film, der sich mit Taiwans bewegter Historie auseinandersetzt, internationale Anerkennung. Er katapultiere Jiufen zur Top-Touristendestination Nordtaiwans.

Start your day right

Alle Travel Guides, die ich vorab studiere, empfehlen mit dem Zug via Ruifang nach Jiufen zu fahren. Nachdem die Mitarbeiterin meines Hostels mich allerdings darauf hinweist, dass sie das Umsteigen selbst als Einheimische kompliziert findet, wähle ich kurzerhand den Tourist Shuttle 965, der direkt an der Ximen Metrostation abfährt.

Bevor es losgeht, gönne ich mir ein klassisch taiwanisches Frühstück: Pfannkuchen mit Thunfisch-Omelette-Füllung, knusprig gebratenen Radish Cake und heiße, ungesüßte Sojamilch. Ich bestelle alles an einem Straßenstand mit überragenden Online-Bewertugen – und bin stolz, mich erfolgreich durch das chinesische Menu navigiert zu haben.

Es kostet mich immer etwas Überwindung an solchen Orten zu essen, statt einfach zu 7 Eleven oder ins nächste Starbucks zu gehen. Ich genieße das kleine, stolze Gefühl, im Land angekommen zu sein.

Raus aus Taipei, rein ins Abenteuer

Als ich im Bus nach einem Powernap auf der Zielgeraden nach Jiufen die Augen öffne, raubt mir die Aussicht den Atem. Vor mir das Meer, zu dem steile Klippen hinab fallen. Darüber kreisen die Schwalben. Von den japanischen Reisenden hinter mir im Sitz höre ich entzückte „Suboi!“ und „Kirei!“ – Ausrufe!

Um 09:00 spuckt uns der Bus in Jiufen aus. Die berühmte Old Street ist noch im Dornröschenschlaf. Die historischen Gassen sind menschenleer, die Läden noch verbarrikadiert. Die Besitzer:innen machen sich für den täglichen Ansturm bereit. Vereinzelt treffe ich auf Fotograf:innen, die wie ich die frühen Morgenstunden nutzen. Ich sag es immer wieder: The early bird catches the worm. Nicht nur beim Reisen, aber besonders da.

Spirited Away: A-Mei-Teehaus

Mein erstes Ziel ist das berühmte A-Mei Teahouse – und ich habe Glück: Die Terrasse im obersten Stock, die später am Tag von Tourist:innen geflutet wird, teile ich mir nur mit einem anderen Soloreisenden. Wir sitzen in Stille in der ersten Reihe mit Blick auf das Meer, das in der Morgensonne glitzert. Es weht ein scharfer Wind, gegen den das altehrwürdige Teehaus bestens gewappnet ist.

Eine freundliche Mitarbeiterin führt mich in die Kunst der taiwanischen Teezeremonie ein. Mit ruhigen, präzisen Bewegungen gießt sie High Mountain Oolong-Tee in winzige Tassen, erklärt mir, wie die Aufgüsse nacheinander an Tiefe gewinnen. Den Rest überlässt sie mir – ich bin zwar unbeholfen, aber mit vollem Eifer bei der Sache.

Mit jedem Schluck und jeder neuen Aufgussrunde verlangsamt sich die Zeit. Ich knabbere Sesamcracker, Mochis, getrocknete Pflaumen und Mungbohnenkuchen, die Teil meines Tee-Sets sind, während der Wind an den Papierlaternen über mir rüttelt. Beim Bezahlen bekomme ich eine Postkarte mit A-Mei-Motiv geschenkt – ein süßes Souvenir an diesen friedlichen Ort.

Die berühmte Fassade des A-Mei-Teehauses

Das A-Mei-Teahouse ist eine ehemalige Schmiede im japanischen Holzhausstil und gilt als Inspiration für das Badehaus im berühmten Studio Ghibli-Film „Spirited Away“. Regisseur Hayao Miyazaki hat das zwar nie bestätigt – er war angeblich auch nie in Jiufen – doch der Mythos hält sich hartnäckig. Und ehrlich: Die Souvenirläden in der Old Street tun wirklich alles, um ihn am Leben zu erhalten.

Lebendige Nostalgie: Shenping-Theater.

Als ich das Teehaus verlasse, ist es mit der morgendliche Ruhe vorbei. Ich laufe mitten hinein in die fotowütigen Massen, die es mit Kameras und Selfi-Sticks bewaffnet, auf die Fassade von A-Mei abgesehen haben.

Schnell abtauchen in die nächste leere Gasse

Ich flüchte mich in das wunderbar nostalgische Shenping Theater. Zu Jiufen’s Boom-Zeiten in den 1960ern war das die erste Adresse für die wohlhabenden Einwohner:innen der Umgebung, um Unterhaltung und Zerstreuung zu suchen.

Eine illustre Mischung aus taiwanischer Oper, Kinofilmen, Theaterstücken und Puppenspiel wurde dargeboten und die 600 Sitze reichten nicht aus, um den Bedarf zu decken. Ich kann mir lebendig vorstellen, wie die fein herausgeputzen Zuschauer:innen nach der Vorführung auf den vorgelagerten Plaza strömten.

Nostalgie pur im Shenping Theater

Mit dem Abstieg Jiufen’s in den 1970ern verlor auch das Theater an Bedeutung und wurde 1994 von einem Taifun stark in Mitleidenschaft gezogen. Das Aufkommen von Fernsehgeräten tat sein Übriges und verlagerte die Unterhaltung in die Wohnzimmer der Taiwaner:innen.

Seit 2011 gibt es das Theater in seiner jetzigen Form – durch Spenden wurde der Geist der 60er wieder zum Leben erweckt und kann heute von Besucher:innen Jiufen’s bestaunt werden – sofern sie sich von der Fassade von A-Mei und der Old Street losreissen können.

Leckereien mit Aussicht

Ich kehre der Old Street den Rücken und spaziere deren Verlängerung entlang. Sie führt mich in ein Wohngebiet mit atemberaubender Aussicht auf den Ort Jiufen mit seinen antiken Häusern und den beeindruckenden Ozean im Hintergrund.

Zurück auf der Old Street tobt inzwischen das Leben. Wir nähern uns dem Mittagessen – Zeit die besonderen Snacks zu testen, für die Jiufen berühmt ist – und die ich in Vorbereitung natürlich minutiös in verschiedenen Blogs recherchiert habe.

Ein must-try in Jiufen sind Taro-Bällchen, die es zwar überall in Taiwan gibt, die hier aber eine besonders bissfeste Textur haben. Ich wähle A-Gan-Yi für meine Verkostung und bin nicht enttäuscht. Neben der offenen Küche, in der man die Herstellung der Bällchen bestaunen kann, eröffnet der Sitzbereich atemberaubende Blick auf Jiufen’s Küste.

Good to know: Wie mir taiwanische Freunde mitteilten, lässt sich ein Restaurant mit besonderer Historie immer am A- im Namen erkennen.

Glasnudeln und Fischbällchen-Suppe

Für den herzhaften Teil meines Lunches wähle ich Fishball Bozai. Die Suppe mit Fischbällchen und die Glasnudeln sind hier wirklich köstlich. Die Atmosphäre ist mir aber zu stressig. Inzwischen schieben sich die Menschenmassen nur so durch Jiufen’s kleine Gässchen. Die Budenbesitzer buhlen um die Aufmerksamkeit der hungrigen Meute. Es ist an der Zeit für mich, meinen Vorsprung auszubauen und weiterzuziehen. Next stop: Jinguashi.

Busfahrt mit Hürden

Eine weitere Stadt an Taiwans Nordküste, die historisch vom Bergbau geprägt ist, ist Jinguashi. Dort wurden in der Qing-Dynastie und während der japanischen Kolonialzeit Gold und Kupfer abgebaut. Nachdem sich die Vorkommen an Edelmetallen in den 1980ern langsam erschöpften, fand auch hier der Wandel zum Kultur- und Touristen-Hub statt. Dazwischen wurde der Ort als Kriegsgefangenenlager der Japaner im zweiten Weltkrieg genutzt,

Goldrausch in Jinguashi

Zum Gold Ecological Park 黃金博物園區 gehört unter anderem das Goldmuseum, das ich an diesem Nachmittag besichtigen möchte, um mehr über die Geschichte der Region zu lernen. Die Japaner bauten die Mine einst zu einer der bedeutendsten in ganz Asien aus. Zur besten Zeit wurden hier 120.000 Tonnen Kupfer und zwischen 94 und 600 Tonnen Gold gefördert. Die breite Spanne beim Goldabbau zeigt beeindruckend deutlich, welches Schwundpotenzial in diesem Geschäftszweig steckt.

Um nach Jinguashi zu gelangen, brauche ich aber erst einmal Durchsetzungsvermögen: Der Busfahrer ist fest der Meinung, er kennt meine Wege besser als ich und ich bin im falschen Bus gelandet. Schließlich suchen doch alle, die aussehen wie ich, sonst den Bus zurück nach Taipei? Mit einer wirschen Geste hält er das Easy Card Terminal zu, damit ich nicht einchecken kann. Ich finde das ziemlich unhöflich. Vermutlich meint er es nur gut und möchte nicht schuld daran sein, dass eine Ausländerin am falschen Ort landet.

Nachdem ich meinen Zielort mehrfach und bestimmt auf schlechtem Mandarin vortrage und er ihn schließlich in korrekter Aussprache wiederholt, fällt dann aber der Groschen und ich darf boarden. Zum Glück war ich gut vorbereitet und konnte dadurch auf meinem Wunsch beharren. 1:0 für die deutsche Genauigkeit!

Gold und Glamour in Jinguashi

Es lohnt sich, dass ich mich durchgeboxt habe. Der Abstecher nach Jinguashi ist wirklich interessant. Neben Taiwans Bergbau-Vergangenheit, bekomme ich im Gold Museum spannende Einblicke in die japanische Architektur und beeindruckende Spazierwege durch die Natur der Umgebung gleich mit dazu.

Ein besonderes Highlight ist die Chuen Ji Hall, die sich in einem 10-minütigen Spaziergang vom Goldmuseum besuchen lässt. Der Dao-Tempel ist berühmt für seine große Guan Gong-Statue. Sie ist wirklich gigantisch und ein tolles Foto-Motiv.

Guan Gong (oder auch Guan Yu, Guan Di choose your favourite) ist ein legendärer General aus der Han-Dynastie, der durch seine militärischen Verdienste post mortem in den Götterstatus erhoben wurde. Mit ihm stehen Werte wie Loyalität, Gerechtigkeit und Mut in Verbindung.

Shinto Schrein in den Bergen

Trotz brüllender Hitze klettere ich danach noch zum Jinguashi Shinto Schrein hinauf, von dem nach der Zerstörung im zweiten Weltkrieg nur noch Rudimente stehen. Das tut der atemberaubenden Aussicht auf die Küste, den Keelung Mountain und den Teapot-Mountain jedoch keinen Abbruch.

Woher letzterer seinen Namen hat, lässt sich beim Betrachten der Felsformationen auf dem Gipfel unschwer erkennen. Eine Besteigung wäre sicherlich interessant, ist für mich an diesem Tag aber leider nicht mehr drin.

Cute: Teapot Mountain

Auch für eine Besichtigung der alten Kupfermine, des Golden Waterfall und der Yin Yang Sea bleibt mir an diesem Tag leider keine Zeit mehr. Das Besondere an diesen Orten ist, dass die Sedimente und chemischen Prozesse, die durch den Edelmetall-Abbau freigesetzt wurden, für eine goldbraune Einfärbung des Fluss- und Meereswassers sorgten.

Zurück nach Taipei

Die Region Jiufen / Jinguashi hat wirklich viel zu bieten und würde sicherlich auch eine Übernachtung rechtfertigen! Für mich geht es jetzt aber erst einmal zurück nach Taipei – diesmal wirklich!

Der Rückweg von Jinguashi ist nun tatsächlich etwas unübersichtlich. Nach Befragung der mit mir wartenden Einheimischen schnappe ich mir dann aber den Bus 1062 und komme ohne Umschweife zurück in die City.

Jinguashi

Als ich abends wieder in der MRT sitze, bin ich erschöpft, aber glücklich. Wenn ich die Augen schließe, kann ich den Duft von Oolong-Tee immer noch riechen und vor meinem geistigen Auge funkeln die Goldadern der Berge.

Nach Tagen in Taipei war dieser Tageausflug der perfekte Tapetenwechsel: frische Luft, Geschichte zum Anfassen, und Genussmomente, die im Gedächtnis bleiben.

Im nächsten Artikel nehme ich euch mit auf einen weiteren Trip an Taiwans Nordküste – diesmal geht es nach Keelung, wo Insta-bunte Häuschen auf köstliches Seafood treffen.

Verfasst von:

Hallo! Mein Name ist Daniela. Ich arbeite im Marketing und lebe in München. Wenn ich nicht gerade arbeite oder reise, übe ich traditionelle Kampfkunst, Yoga oder mache Wanderungen in den bayerischen Voralpen. Schön, dass du hier bist und Teil meines Weges sein möchtest.

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