Kiruna im nördlichen Schweden ist eine Stadt im Umbruch. Ein Spaziergang vom verlassenen alten Stadtkern zum modernen Utopia, das drei Kilometer weiter östlich entsteht, gibt Zeit zum Reflektieren. Was bedeutet es, wenn eine ganze Stadt umziehen muss, damit eine Erzmine sich weiter ausbreiten kann? Unter der Mitternachtssonne entstehen bleibende Eindrücke vom Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichem Gewinn und sozialem Verlust.
Reise in Schwedens Norden
Mit einer knappen Stunde Verspätung lande ich am Miniatur-Flughafen in Kiruna. Ganz im schwedischen, roten Holzhaus-Stil gestaltet, erinnert er mehr an eine Hütte als an ein großes Terminal. Wir laufen vom Rollfeld ins Gebäude. Neben uns ein Helikopter, der forstwirtschaftliches Gerät transportiert. Um uns nur flache, grüne Landschaft und Wald, soweit das Auge reicht.
Wir kommen in einen kleinen Raum, der eigentlich nur das Gepäckband und den Mietwagen-Counter fasst. Sowie einige übereifrige Taxifahrer, die sich ihr Business sichern wollen. Dabei wartet beim Verlassen des Gebäudes links bereits der Flygbus.
Good to know: Die Flygbussarna sind in Schweden mein Go-to Transportmittel von und zu Flughäfen. In einer halben Stunde und für umgerechnet 10 Euro bringen der Bus mit seinem netten Fahrer mich auch dieses Mal ins Stadtzentrum von Kiruna. Taxis kosten ein Vielfaches. Und in Stockholm versucht die überpräsente Werbung für den hochmodernen Arlanda-Express die Aufmerksamkeit der Ankommenden vom grundsoliden Flygbus abzuziehen. Lasst euch davon nicht irreführen!
Tickets könnt ihr ganz leicht online oder beim Fahrer im Bus kaufen. Sogar mit Bargeld – eine absolute Seltenheit in Schweden! Ich habe mir ein paar Notfall-Kronen am Flughafen abgehoben und jetzt schon das Gefühl, dass ich auf meinen Scheinen sitzen bleiben werde. In einem Land, in dem sogar die Gebühr für öffentliche Toiletten oder Spenden an Obdachlose mit Karte oder der App Swish abgewickelt werden, ist Bares nicht wirklich gern gesehen. Meine Kreditkarten werden glühen!
Gähnende Leere
Der Bus ist leer. Der Busbahnhof im Zentrum Kirunas: leer. Das Spis Hotel & Hostel: außer mir und einer japanischen Familie: leer. So leer, dass ich sogar ein gratis Upgrade bekomme. Das nette Mädchen an der Rezeption verkündet mir beim Check-in, dass ich statt dem von mir gebuchten Bett im Frauenschlafsaal ein Doppelzimmer alleine bewohnen darf. Mit freundlichen Grüßen vom Inhaber. Mein erster Eindruck könnte nicht besser sein!
Ich erfahre im weiteren Smalltalk, dass die Stadt Kiruna gerade umzieht. Wir befinden uns hier im alten Stadtteil, aus dem nach und nach alles in ein neues Zentrum drei Kilometer weiter östlich abwandert. Das erklärt die gähnende Leere. Was es aber genau damit auf sich hat? In diese Geschichte tauchen wir gleich tiefer ein. Zuerst muss ich ankommen und mich von der anstrengenden Anreise erholen.
Für 35 Euro die Nacht inklusive Deluxe-Frühstück darf ich wirklich nichts sagen. Aber man merkt schon, dass in das Hotel nichts mehr investiert wird. Alles ist sauber und zweckmäßig. Ich fühle mich von Ankunft bis Abreise sehr wohl. Aber das Gebäude hat seine besten Jahre hinter sich und müsste dringend renoviert werden.
Busse fahren nur sehr unregelmäßig in den neuen Stadtkern, weshalb ich auf dem Fußweg in das zum Hotel gehörige Restaurant pilgere, um etwas zu Abend zu essen. Ich bin geschlagene 45 Minuten unterwegs! Aber es hilft ja nichts. Mein Optimismus ist ungetrübt und ich reframe es einfach als Aufwärmübung für die bevorstehende Wanderung. Und als gute Chance, um erste Eindrücke von Kiruna zu sammeln.
Unter der Mitternachtssonne
Ich reise zur Jahreszeit der Mitternachtssonne. Offizieller Sonnenuntergang soll heute um 00:17 sein. Laut der Mitarbeiterin an der Hotelrezeption wird es jedoch auch dann nicht wirklich dunkel. Ein surreales Gefühl. Die Luft ist trotz einer Temperatur von 20° knackig frisch und es pfeift ein richtig gemeiner Wind durch die leeren Straßen. Ich sehe mich gezwungen, die Kapuze meines rosa Hoodies aufzusetzen und wie ein pastelliger Gangster durch die Geisterstadt zu stapfen.
Das Restaurant Spill Saluhall & Eatery wirkt hip. Gegenüber befindet sich das Scandic-Hotel, das sich smart direkt im neu entstehenden Stadtkern platziert hat. Es gibt eine schöne Auswahl an lokalen Gerichten. Viele davon sind sehr fleischlastig – es werden zu meinem Leidwesen Rentiere und Elche verarbeitet. Zum Glück gibt es auch Pizzen und Bowls im Angebot.
Ich gönne mir eine Sauerteigpizza mit Västerbotten Käse (meiner Meinung nach der beste schwedische Käse) und Shrimps. Sie ist sündhaft lecker und das, was ich nach meiner anstrengenden Reise gerade brauche. Über den langen Verdauungsspaziergang zurück zum Hotel, der in diese Richtung auch noch bergauf geht, bin ich danach gar nicht mal so böse.
ICA-Eskalation
Auf dem Rückweg verliere ich mich im ICA, einer schwedischen Supermarktkette. Und entdecke all meine Lieblingsprodukte wieder: Knäckebrot, Haushaltskäse, zuckerfreies Granola, Kaffeepulver der Marken Arvid Nordquist und Zoégas, Marmelade aus Molte- und Blaubären, Marabou-Schokolade, Dumble-Bonbons, die ikonischen Zuckergummis in Autoform bilar und natürlich: lördagsgodis. Es ist ein Fest. Ich werde ganz emotional und plane mich am nächsten Tag nach allen Regeln der Kunst für die bevorstehende Wanderung einzudecken.
Good to know: Am Samstag ist im sonst so gesundheitsbewussten Schweden cheat day. Es gehört zum Ritual, sich im Supermarkt eine persönliche Mischung aus einer schier unbegrenzten Auswahl loser Süßwaren zusammenzustellen, die nach Gewicht bezahlt werden. Diese werden dann gemeinsam geschlemmt. Die Tradition nennt sich lördagsgodis („Samstagssüßigkeiten“). In vielen Haushalten geht dem voran das Fredagsmys („Freitagsgemütlichkeit“). Hier machen es sich die Schweden mit Tacos oder Pizza und einem Film auf dem Sofa gemütlich, um das Wochenende einzuläuten.
Zurück im Hotel schaffe ich es gerade noch mein Bett zu beziehen und mich zu duschen. Ich habe in der Nacht am Flughafen wenn es hoch kommt 1,45 Stunden geschlafen und mir auf den Flügen jeweils noch 1,5 Stunden dazu geklaut. In Summe ist das gerade genug, um mich irgendwie am Laufen zu halten. Aber es braucht jetzt eine ordentliche Runde Schlaf, damit ich mich wieder menschlich fühle.
Wie ein Stock
Die Mitternachtssonne kann mir gar nichts: Ich schlafe neuneinhalb Stunden som en stock, wie die Schweden sagen. Hierzulande schläft man nicht tief und fest wie ein Stein, sondern wie ein Stock. Lustig oder?
Ziel des heutigen Tages ist es mich zu akklimatisieren. Das köstliche Frühstücksbuffett des Spis Hotels hilft mir, wieder Energie zu tanken. Meine Erwartungen werden nicht enttäuscht, die Auswahl ist fürstlich: roher und geräucherter Lachs, vier Sorten Käse, weiche und hartgekochte Eier, Rührei, rohes, eingelegtes und gekochtes Gemüse, diverse Sorten Müsli, schwedischer Porridge (wird mit Milch oder Yoghurt flüssig gemacht, mit Fruchtkompott gesüßt und mit Nüssen, Samen und Granola getoppt), kleingeschnittenes Obst, mindestens fünf (!) Sorten Knäckebrot, Sauerteigbrot, Brötchen, Filterkaffee und Tee. Einen besseren Start in den Tag gibt es für mich nicht! Mein Körper dankt mir für die gute Energie und den Schlaf.
Good to know: In Schweden trifft man auf eine bei uns unbekannte Bäre mit dem wunderbaren Namen cloud berry. Zu Deutsch: Moltebeere. Auf Schwedisch: hjotron. Man könnte sie die „Trüffel des Nordens“ nennen, so selten und begehrt sind sie. Cloud berries wachsen nur im harschen Klima des arktischen Zirkels, vornehmlich in Russland und Nordskandinavien. Sie werden aktuell noch nicht kommerziell angebaut und gelten deshalb als Delikatesse. Sogar in Jahren, in denen die Ernte üppig ausfällt, übersteigt der Bedarf das Angebot, weshalb die Exporte gegen 0 gehen und wir außerhalb Skandinaviens nicht in den Genuss kommen. Hier in Schweden begegnen sie mir hauptsächlich als Topping für Desserts: Porridge, Waffeln oder Kuchen. Aber auch Marmelade wird aus Moltebeeren gemacht.
Ich bin verwundert, wie das Hotel es schafft, bei den niedrigen Übernachtungspreisen und den wenigen Gästen so ein Frühstück aufzufahren. Es ist bei jeder Übernachtung im Preis inbegriffen. Ich kann mir nur denken, dass es durch die gemeinsame Logistik mit dem Spill Restaurant funktioniert, in dem ich gestern zu Abend gegessen habe.
Als ich nach dem Frühstück losziehe, ist es mit 15° noch ein Stück kälter als am Vortag. Ich bin sehr dankbar, meine Jacke dabei zu haben und werde sie heute ganz sicher nicht ablegen. Ohne Kapuze schwillt mir sofort der Hals an. Eine klare Antwort meines Körpers darauf, dass mir der Wind ungehindert um die Ohren pfeifft. Mir ist aufgefallen, dass die Schweden trotz dieser Wetterbedingungen ihre Innenräume klimatisieren. Ein Umstand, der nur mich zu stören scheint.
Alles für das Erz
Was hat es nun genau mit dem Umzug der Stadt auf sich?
Der alte Stadtkern Kirunas wird in einem jahrelangen Prozess drei Kilometer nach Osten verlegt, damit sich die ortsansässige Erzmine weiter ausdehnen kann. Kiruna wurde in 1900 gegründet, um den Arbeitern der Eisenerz-Firma LKAB eine Heimat zu bieten. LKAB (Luossavaara-Kiirunavaara) ist die größte Eisenerz-Firma Europas. Die Tunnel zur Förderung des wertvollen Rohstoffs untergraben durch ihre voranschreitende Ausdehnung mehr und mehr den alten Stadtkern und destabilisieren die dortigen Gebäude. Um einem Einstürzen oder gar Versinken der Stadt entgegenzuwirken, wurde in 2013 die Verlegung beschlossen, die bis 2033 schrittweise umgesetzt werden soll.
Es gab scheinbar keine großen Proteste in der Bevölkerung, denn: LKAB ist der größte Arbeitgeber der Region. Die Mine zu schließen, steht deshalb außer Frage. Die Firma gehört dem Staat und trägt die Kosten für die Umsiedlung.
Ich bin im Zwiespalt: Die BWLerin in mir versteht natürlich die wirtschaftliche Bedeutung. In der Umgebung Kirunas wird nicht nur für die Kriegsindustrie wichtiges Eisenerz gefördert. Durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hat dieser Aspekt ja leider wieder eine höhere Priorität bekommen. Sondern auch Graphit und seltene Erden, die Europa unabhängiger vom ambivalenten Handelspartner China machen sollen.
Dennoch blutet mir das Herz, als ich später aus Zug und Bus heraus die hässlichen schwarzen Gruben sehe, die sich durch die schöne grüne Natur Schwedisch-Lapplands fressen. Bedrohlich türmen sie sich am Horizont auf und verschandeln die idyllische Stadtkulisse Kirunas mit seinen farbenfrohen, traditionellen Holzhäusern.
Besonders makaber: Ich lese, dass all dieser Aufwand in Kauf genommen wird, um nur 15 Jahre weiter Rohstoffe fördern zu können. Denn dann sind die neu entdeckten Bestände voraussichtlich bereits wieder erschöpft. Steht dann ein neuer Umzug ins Haus?
Illegaler Spaziergang
Leider ist es zur Zeit meines Aufenthalts durch die Umsiedlung unmöglich Kirunas wunderbare Holzkirche zu besichtigen. Die Kirche ist einer Sami-Hütte nachempfunden und wurde zwischen 1909 und 1912 erbaut – mit freundlicher finanzieller Unterstützung von, na wer kann es erraten? Genau, LKAB. Die Kirche wird nächstes Jahr im ganzen Stück ins neue Stadtzentrum transportiert und soll dort in 2026 bereits wieder eröffnen. Ein heikles Unterfangen!
Das Gelände ist jetzt schon weiteräumig abgesperrt, aber ein Spazierweg führt um die Kirche und durch einen verträumten Birkenwald. Überall blühen bunte Wildblumen und die Insekten summen. Ich bekomme aber auch einen ersten Vorgeschmack von der Moskito-Plage, die Schweden im Sommer heimsucht. Ich schwöre mir, das Haus morgen nicht mehr ohne Antibrumm-Dusche zu verlassen.
Der Weg führt zu einem mystischen Steinkreis. Ich kann keine Informationen dazu finden, aber der Ort hat für mich eine magische Energie. Als ich meinen Weg um die Kirche beende, komme ich plötzlich auf der anderen Seite der Absperrung wieder heraus, die Menschen eigentlich davon abhalten soll, das Gelände zu betreten. Ooops. Geschwind klettere ich über die hohe Steinmauer und bummle unschuldig weiter.
Nette Nachbarn
Der alte Stadtkern ist völlig menschenleer, aber es fühlt sich sicher an. Ein netter älterer Mann ruft mir aus dem Fenster seines Hauses zu und es entwickelt sich ein rührender Smalltalk, den ich sehr stolz auf Schwedisch meistere. Es überrascht mich, wie schnell mir alltägliche Redewendungen wieder in den Sinn kommen. Ich muss nicht nachdenken, die Worte fließen einfach.
Wohin gehst du?
Ins Zentrum.
Unverständlicher Zwischensatz
Ich bedanke mich einfach und wünsche dem Mann einen schönen Tag.
Freundliche Grüße begeleiten mich, als ich mich entferne.
Was für eine zauberhafte Begegnung! Nur wenige Dinge erfüllen mich mit einem so tiefen Glücksgefühl wie eine Konversation mit Menschen in einer Fremdsprache, die ich mir mühevoll angeeignet habe.
Ein paar Schritte weiter jagt ein Adler ein paar kleinere Vögel durch die Luft. Selbiges Szenario wiederholt sich wenig später auf dem langen, geraden Weg in den neuen Stadtkern. Große, freche Elstern streiten sich am Wegesrand. Und ich traue meinen Augen kaum, als ich unter einem parkenden Auto am Straßenrand ganz gemütlich einen Hasen sitzen sehe. Die Tiere haben die Straßen für sich erobert. Ich würde mich nicht wundern, wenn mir später noch ein Elch über den Weg spaziert!
Sozialer Verlust
Der neue Stadtkern zeichnet sich bereits aus der Ferne ab. Sobald ich den Platz vor dem Scandic-Hotel betrete, weht plötzlich ein ganz anderer Wind. Musik tönt aus Lautsprechern, Kinder spielen auf einem nagelneuen Spielplatz. Alles wirkt blank poliert, ein skandivanisches Utopia, das mich an das futuristische neue Hafenviertel in Oslo erinnert.
Moderne Architektur trifft auf eine nachhaltige Bauweise, die den kalten Wind davon abhält, ungehindert durch die Gassen zu fegen. Der neue Stadtkern ist eine einzige Fußgängerzone und auf kompaktem Raum finden sich viele stylische Boutiquen. Und das Espresso House Café, in dem ich während meines Aufenthalts noch oft sitzen und schreiben werde. Ich flexe weiter meine Schwedisch-Skills und bestelle mir einen bryggkaffee (Filterkaffee), der so stark ist, dass er Tote zum Leben erwecken könnte.
Es wird ganz deutlich: Neben einzelnen Touristen wie mir, sitzen hier vor allem Locals zusammen und vertreiben sich die Zeit. Menschen kennen und grüßen sich und unterhalten sich über mehrere Tische hinweg. Hier scheint ein neuer Begegnungsort zu entstehen. Es berührt mich zu sehen, wie die Menschen sich bemühen, dem sozialen Verlust entgegenzuwirken, der mit dem Verschwinden ihrer vertrauten Nachbarschaft einher geht.
Thais im hohen Norden
Eine Kuriosität in Schweden ist, dass es auch an den entlegendsten Orten auffällig viele Thai-Restaurants gibt. Mir wurde das einmal so begründet, dass viele schwedische alleinstehende Männer eben thailändische Frauen geheiratet haben, die ihre Esskultur auch an die abgelegensten Ski-Orte im hohen Norden bringen.
Auch hier in Kiruna fällt das sofort auf. Ein Beispiel für ein sehr gutes Sushi und Thai-Restaurant ist das Sushi Take-away Kiruna. Der Laden wirkt von außen völlig unprätentiös. Das Sushi-Menu hat mich mit der Qualität seiner Zutaten jedoch richtig vom Hocker gehauen. Und auch die Thai-Speisen scheinen empfehlenswert. Zur Zeit meines Besuchs gingen sogar zwei Mönche im orangenen Gewand ein und aus, was zumindest für die Authentizität zu sprechen scheint.
Nach weiterer Recherche scheinen „Katalog-Bräute“ nur einen Teil des Phänomens zu erklären. Viele Thais kommen wohl auch als Gastarbeiter:innen nach Schweden. Zum Beispiel, um Blaubeeren pflücken. Das gute Geld, das sie hiermit verdienen, bringen sie nach der Saison mit nach Hause zu ihren Familien. Eine weitere Erklärung, die ich gefunden habe, ist, dass viele Schwed:innen in den 70er Jahren wohl thailändische Kinder adoptiert haben.
Aufbruch nach Abisko
Der eigentliche Grund meiner Reise in den Norden Schwedens ist ja, dass ich mir einen lange gehegten Traum erfüllen möchte: Die nächste Woche werde ich in mehreren Etappen eine Weitwanderung auf dem Königsweg (schwedisch Kungsleden) unternehmen. Seit Jahren steht das schon auf meiner Bucket List! Aus verschiedenen Umständen hat sich das Unterfangen jedoch immer wieder verschoben. Life happens. Nun gibt es keinen weiteren Aufschub mehr!
Viele Schweden, die ich kenne, träumen von dieser Wanderung, die als eine der schönsten der Welt gilt und waren selbst noch nie so weit oben im Norden ihres Landes. Wer in Göteborg oder Stockholm wohnt, fährt meist nicht weiter als bis zu den Skigebieten in der Landesmitte. Mit dem Auto ist das immerhin auch schon eine Fahrt von plus acht Stunden.
Ich kille nach dem Hotelfrühstück noch etwas Zeit. Die Bus- und Zugverbindungen hier sind dünn gesäht und mein Zug nach Abisko, dem Eintrittspunkt zum nördlichen Kungsleden geht erst Nachmittags um halb 4. Kein Problem: Ich schlage mich in der Hotellobby mit Gratiskaffee und Fika-Gebäck durch.
Good to know: Es hat sich bereits herumgesprochen, doch soll es auch hier nicht unerwähnt bleiben: In Schweden gibt es zwei wunderbare Selbstverständlichkeiten, die euren Alltag bereichern werden: Das eine ist kostenloses kranvatten (Leitungswasser), nach dem ihr nicht einmal umständlich fragen müsst. Es steht in großen Spendern in Cafés und Restaurants einfach bereit.
Und Filterkaffee gibt es med påtår. Das bedeutet, dass ihr eine Tasse Kaffee zahlt und dann so oft nachschenken dürft, wie ihr möchtet – oder Kapazität habt, denn die Schweden nehmen was die Stärke ihres Kaffees angeht, keine Gefangenen. Auch hier stehen die Kannen und Spender bereit. Milch ist manchmal separat in einem benachbarten Kühlschrank zu finden.
Das, zusammen mit der heiligen Stellung, die die schwedische Kaffeepause fika im Alltag genießt, wird euch viele kleine Glücksmomente bescheren. Zur fika könnt ihr euch mit allerlei Süßgebäck versorgen: Zimt-, Saffran-, Kardamom- oder Pistazien-Schnecken, Karrottenkuchen, Blaubeermuffins, Chokladbollar, Kladkacka, Princesstårta… Um nur ein paar ausgewählte schwedische Backwaren zu nennen.
Von Kiruna in die Wildnis
Mein Hotel bietet für 50 Kronen die Nacht einen Gepäckaufbewahrungsservice an, den ich gerne in Anspruch nehme, um meinen Rücken auf der Wanderung zu entlasten. Ich packe Kleidung und andere Dinge, die ich nur für den anschließenden City-Trip nach Helsinki brauche, kurzerhand in einen zweiten Rucksack und lasse diesen einlagern. Dann ist es auch schon so weit: Ein kostenloser Shuttle-Bus bringt mich vom verwaisten Busbahnhof zur verwaisten Zugstation von Kiruna.
Der Abschied von Kiruna ist der Beginn meines Abenteuers in der Natur von Schwedisch Lappland. Wie die Stadt selbst, steht auch meine Reise am Anfang einer aufregenden Entwicklung. Ich bin bereit, in die Wildnis des Kungsleden einzutauchen, voller Vorfreude und bleibender Eindrücke, die Kiruna mir mit auf den Weg gegeben hat.














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