Kuala Lumpur: Ost West Beziehungen

Neuer Tag, neue Tour. Heute ist der letzte Tag des Jahres 2025 und ich habe mich erneut einer walking tour von Unscripted angeschlossen. Die East-West Connection Tour führt durch das historische Kolonialviertel von KL – dorthin, wo die Stadt ihren Anfang nahm.

In einem 3-stündigen Spaziergang erfahren wir alles über die Ereignisse und die Pioniere, die das koloniale KL geprägt haben. Wir folgen den Ursprüngen der Stadt entlang des Klang-Flusses und entdecken dabei das reiche architektonische Erbe und die vielschichtige Kultur, die KL zu dem gemacht haben, was es heute ist.

Geschichte Malaysias

Bevor es losgeht, starte ich meinen Tag im schicken Mountbatten Café, das sich unweit unseres Treffpunkts, der Lobby des Cosmo Hotel, befindet. Gab es in 2011 schon so viele süße Cafés in KL und ich hatte sie nur nicht auf dem Radar? Oder hat sich das erst in den letzten Jahren entwickelt?

Journal & chill

In der Hotellobby komme ich wenig später sofort mit Clarissa aus Singapur ins Gespräch. Kaum haben wir den Begrüßungsdrink in der Hand, beginnt sie mir voller Vertrauen das Herz über ihre beruflichen Irrungen und Wirrungen auszuschütten. Ich habe großes Mitgefühl mit ihr und erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich vor nicht allzu langer Zeit an einem ähnlichen Punkt stand.

Unser Guide Michael begrüßt uns und beginnt mit einer kurzen Einführung in die Kolonialgeschichte von KL.

Good to know: Malaysia ist das Ergebnis des jahrhundertelangen Handels und der Machtverschiebungen zwischen Ost und West. Lange bevor europäische Kolonialmächte dort die Flagge hissten, existierten auf der malaiischen Halbinsel frühe Königreiche wie Kedah. Sie lagen strategisch an wichtigen maritimen Handelsrouten zwischen Indien, China und der arabischen Welt.

Mit den Händlern kamen nicht nur Gewürze, Porzellan und Seide, sondern auch hinduistische, buddhistische und islamische Einflüsse in die Region.

Im 15. Jahrhundert stieg Melaka zum mächtigsten muslimischen Sultanat Südostasiens auf. Die Kontrolle über die Straße von Malakka, eine der wichtigsten Handelsadern der Welt, machte die Stadt zum Anziehungspunkt für Händler aus aller Welt.

1511 wurden davon auch die Portugiesen angelockt, die in Melaka den ersten europäischen Stützpunkt der Region errichteten. Ihnen folgten 1641 die Niederländer, die den Gewürzhandel dominierten, bevor im 18. und 19. Jahrhundert die Briten die Kontrolle übernahmen.

Der Weg zu Malaysias Unabhängigkeit begann im 20. Jahrhundert im Schatten globaler Umbrüche. Die japanische Besetzung im Zweiten Weltkrieg erschütterte die koloniale Ordnung und stärkte nationalistische Bewegungen. Nach Jahren politischer Spannungen erlangte die Föderation Malaya am 1957 ihre Unabhängigkeit von Großbritannien.

1963 entstand durch den Zusammenschluss mit den Staaten Sabah und Sarawak auf Borneo und den Austritt Singapurs das Malaysia, wie wir es heute kennen. Aus einer rohstoffbasierten Kolonie entwickelte sich in wenigen Jahrzehnten ein moderner, mehrheitlich muslimisch geprägter Industrie- und Dienstleistungsstaat.

Malaysias Geschichte erklärt, warum das Land bis heute so vielschichtig ist: Seit Jahrhunderten sind Handel, Migration und kultureller Austausch hier gelebter Alltag.

Masjid Jamek: KL’s Geburtsort

Unser erster Besuchspunkt ist die Masjid Jamek. Wo wir stehen, errichteten chinesische Einwanderer Mitte des 19. Jahrhunderts die erste Zinn-Bergbausiedlung am Zusammenfluss der Flüsse Klang und Gombak. Daher kommt auch der Name – Kuala Lumpur bedeutet übersetzt „schlammige Flussmündung“

Der Ort lag strategisch günstig: Über den Fluss konnten Zinn und andere Rohstoffe per Boot abtransportiert werden, die damals den wirtschaftlichen Motor des Landes bildeten.

Die Masjid Jamek wurde 1902 errichtet und ist damit eine der ältesten Moscheen der Stadt. Ein alter muslimischer Friedhof musste dafür verlegt werden.

Und auch wenn man es dem Klang Fluss so gar nicht ansieht: Er scheint so sauber zu sein, dass darin Fische, Otter – und sogar ein paar Krokodile leben.

Good to know: Das schnelle Wachstum der Stadt zog neben Händlern auch Rivalität und Konflikte an. Eine zentrale Rolle spielte dabei Yap Ah Loy (1837–1885), der dritte Kapitan von KL. Er gilt bis heute als „Vater von Kuala Lumpur“, indem er die Stadt von einer kleinen Bergbausiedlung zur wirtschaftlichen Metropole führte. Er kämpfte in Clan-Kriegen, leitete den Wiederaufbau der Stadt nach Bränden, kontrollierte die Zinnminen und vermittelte geschickt zwischen Chinesen, Malaien und Briten.

Koloniales Erbe

Weiter geht’s zum Merdeka Square. Der dataran merdeka, auch „Platz der Unabhängigkeit“ genannt, ist das historische Herz von KL und mir aus 2011 vertraut. Rund um den Platz stehen Gebäude, die der Kolonialverwaltung dienten: Banken, Postamt und Bibliothek. Damals bestaunte ich die Prachtbauten nur. Heute erfahre ich auch ihre Geschichte.

Hier wurde am 31. August 1957 die Unabhängigkeit Malaysias ausgerufen: Die britische Flagge wurde eingeholt und die malaysische gehisst. Der mit 100 Metern höchste Fahnenmast der Welt markiert heute noch den exakten Ort dieses bedeutsamen Ereignisses.​ Links davon befindet sich der zu Ehren der britischen Königin 1897 aus England importierte Queen Elizabeth Brunnen.

Herausragend ist der 1884 erbaute Royal Selangor Club – lange Zeit ein exklusiver Gentlemen’s Club der britischen Elite. Die Kolonialbeamten mussten nach Feierabend nur das Cricketfeld überqueren, um im Club das Tagwerk bei ausgelassenen Dinner-Partys hiner sich zu lassen. Michael erzählt uns eine Anekdote über eine besonders durchsetzungsstarke Richterin, die einklagte, dass künftig auch Frauen Zugang zum „Gentleman’s only“-Club erhalten sollten.

Auf der anderen Seite des Rasens befindet sich das beeindruckende Sultan Abdul Samad-Gebäude mit seinen maurisch-mogulischen Bögen und Türmen und dem zentralen Uhrturm, der liebevoll als „Mini-Ben“ bezeichnet wird – die Ähnlichkeit zu seinem großen Bruder ist nicht zu verkennen. Und genau wie die Houses of Parliament in London beherbergte auch das Sultan Abdul-Samad Gebäude die Kolonialverwaltung der Federated Malay States. Heute sitzen hier die Ministerien für Kommunikation und Kultur.

Good to know: Malaysia hat eine einzigartige politische Struktur, die auf die britische Kolonialzeit zurückgeht: Neun Bundesstaaten werden von neun erblichen Sultanen regiert. Sie wählen alle fünf Jahre den König des Landes, der wiederum einen Premierminister als Staatsoberhaupt ernennt. Ein direkt gewähltes Parlament kontrolliert in der Exekutive Gesetze und Budgets.

Kuchen-Pause mit Milo

Nach so viel Input ist es Zeit für eine Genusspause: Wir kaufen uns köstliche süße Teilchen in der KLCG Confectionary & Bakery, die in ein frisch restauriertes shophouse eingezogen ist. Nachdem wir gerade in einem Nebengebäude Platz genommen haben, um die Gebäckstücke zu verspeisen, kommt Clarissa aus Singapur freudestrahlend mit zwei Milos um die Ecke, die sie blitzschnell bei einem Straßenverkäufer erworben hat – ein malay staple, das ich unbedingt probieren soll.

Good to know: Milo ist ein schokoladiges Malztrinkpulver von Nestlé, das ursprünglich als nährstoffreicher tonic food drink für Kinder auf den Markt gebracht wurde. In Malaysia ist Milo seit 1950 ein Kultgetränk, das mit Milch gemischt, hot or iced konsumiert wird.

Die Malayen rühmen sich mit dem weltweit höchsten Milo-Konsum pro Kopf weltweit. Meine Meinung: Es schmeckt wie süßes Kakao-Pulver, das Kinder zum Frühstück trinken – aus meiner Kindheit kenne ich ein Produkt, das Kaba hieß. Und das Suchtpotenzial ist genauso groß!

Während wir snacken, unterhalten sich Clarissa und Michael über Politik: Korruption in der Regierung scheint ein Thema zu sein, das viele Menschen im Land beschäftigt.

Nebenbei erfahre ich noch etwas Interessantes: In Malaysia muss ein Partner zum Islam konvertieren, wenn er oder sie eine malaiische Person heiraten möchte. In Singapur existiert diese Regel nicht.

Michael kommentiert das mit einem Augenzwinkern:
„Wenn es diese Hürde nicht gäbe, würden alle chinesischen Männer malaiische Frauen heiraten.“

Was auch immer er damit meint?

Zurück zum Pasar Seni

Zum Abschluss der Tour spazieren wir noch einmal durch den zum Bersten mit Touristen gefüllten Central Market.

Im Obergeschoss gibt es eine ganz spannende Ausstellung über die Stadtgeschichte von KL. Wir bekommen dort einen Überblick über die Rohstoffe, die Malaysia über Jahrhunderte hinweg zum begehrten Ziel für Kolonialmächte machte: Zinn, Kautschuk, Palmöl, Kaffee – und, was wenige wissen: seltene Erden.

Michael überzieht die Tour und nimmt sich zusätzliche Zeit, um uns durch den Sin Sze Si Ya Tempel zu führen, einen der ältesten chinesischen Tempel der Stadt. Sein Stolz auf das eigene kulturelle Erbe ist spürbar. Wir tauchen in den dicken Rauch tausender Räucherstäbchen ein und erfahren, wie man weibliche und männliche Tempellöwen zielsicher von einander unterscheidet: die Löwin hält ein Junges unter ihrer Pranke, der Löwe eine Weltkugel.

Clarissa nutzt die Gelegenheit und betet zu Guanyin, der Göttin der Fruchtbarkeit, Gnade und Schönheit. Ein bewegender Anblick.

Dann ist es leider Zeit für mich, die Gruppe zu verlassen. So gerne ich geblieben wäre – ich muss schleunigst in ein Grab-Taxi springen, denn auf mich wartet heute noch ein ganz besonderes Treffen.

Wiedersehen mit Angie

Es ist das emotionalste Wiedersehen meines Lebens: Angie und ich fallen uns unter der Sphinx, die den Eingang zur Sunway Pyramid bewacht, in die Arme. Die Tränen, die ich in meinen Augen aufsteigen fühle, sehe ich gleichzeitig in ihren. Sie lässt mich gar nicht mehr los, umarmt mich immer wieder und gibt mir ganz wie früher liebevolle Klapse auf den Po.

Wie damals, nimmt sie frei von Berührungsängsten meine Hand und wir laufen durch die Mall. Es fühlt sich an, als wären wir Mutter und Tochter.

Ich weiß noch wie überfordert ich mich bei meiner Ankunft in Malaysia gefühlt habe. Das erste Mal in Asien, das erste Mal alleine im Ausland. Ich hatte keine Ahnung von nichts. Angie war der Schlüssel, um mich in dieser schönen neuen Welt zurecht zu finden.

Sie hat im Foodcourt für mich bestellt, mir das fremdartige Essen erklärt und mir gezeigt, wie man es richtig isst. Mich beim Überqueren der Straße an die Hand genommen, weil ich nicht wusste, aus welcher Richtung im Linksverkehr die Autos kommen. Und jedes Mal wenn ich instinktiv auf der falschen Auseite einstieg, fragte sie belustigt:„You wanna drive?“

Bei Angie konnte ich von Anfang an ich selbst sein. Wir haben unglaublich viel miteinander gelacht, gesungen, gegessen, geshoppt und Gossip Girl oder K-Drama zusammen auf dem Sofa geschaut.

Besonders haben wir uns dabei amüsiert, uns gegenseitig triviale Wörter in der Muttersprache der anderen beizubringen. Angie mochte vor allem das deutsche Wort für „stupid“ – „dumm“. Sie eignete sich an, immer laut und lachend „DUMMP!“ zu rufen, wenn ihr Partner Ray etwas auf der Leitung stand. Ich wiederum habe mein persönliches Chinesisch-Deutsch Wörterbuch gestartet, in dem neben den Klassikern wie „Guten Morgen“ und „Gute Nacht“ auch Juwelen wie „Ich muss Pipi machen“ geschrieben stehen.

Long time no see

Rein optisch hätte ich Angie fast nicht wieder erkannt: Sie hat viel Gewicht verloren und Haar, das ich als lang und schwarz in Erinnerung habe, ist einem attraktiven grau-melierten Kurzhaarschnitt gewichen. Ihr schönes Gesicht wirkt schmaler, fragiler.

Natürlich lässt sie es sich nicht nehmen, mich zum Essen einzulasen. Wir lunchen bei Din Tai Fung in der Sunway Pyramid – wer meine Taiwan-Artikel gelesen hat, wird diesen Namen wieder erkennen. Hier in Malaysia ist das Menü sogar noch vielseitiger, die Bedienung aber genauso aufmerksam. Bei fried rice mit Schweineschnitzel, mapo tofu und dumplings erfahre ich, dass Angie es in den letzten Jahren nicht leicht hatte.

Nach über zehn Jahren bei unserem gemeinsamen Arbeitgeber hat sie, genau wie ich, gekündigt. Sie arbeitete danach im HR-Bereich eines deutschen Logistikunternehmens. Vor Kurzem hat sie ihren Job jedoch aufgegeben, um ihren Vater in Brunei zu pflegen, der an Krebs erkrankt war.

Er ist inzwischen gestorben.

Ray lebte während dieser Zeit weiterhin im Apartment der beiden in Desa Impiana und beherbergte Angies Nichte, die zum Studieren nach KL gekommen war. Ray arbeitete früher auf dem Bau und verdient inzwischen sein Geld damit, große Werbeplakate in der Stadt anzubringen.

Angie spricht sehr positiv über ihr Heimatland Brunei. Sie ist unendlich dankbar dafür, dass der Staat die horrenden Summen für die Krebsbehandlung ihres Vaters übernommen hat.

Das Thema Tod begleitet uns noch eine Weile. Fast beiläufig erwähnt sie, dass sie bereits jetzt ihre eigene Beerdigung organisiert und bezahlt hat. Sie sagt es ruhig und sachlich. Und doch liegt eine gewisse Wehmut in ihren Worten.

Sie und Ray haben keine Kinder und ich merke, dass die Vorstellung, dass einmal niemand für ihre Beerdigungsrituale sorgen wird, sie tief betroffen macht. „Dann kümmere ich mich darum“, sage ich spontan. „Ich bin schlißelich deine deutsche Tochter.“

Sie lacht – aber ich meine es vollkommen ernst. In mir breitet sich Reue aus, dass ich in den letzten Jahren nicht mehr für sie dagewesen bin. Ich hatte keine Ahnung von ihrer Situation und bevor ich mich bei ihr meldete, um meine Rückkehr nach Malaysia anzukündigen, hatten wir uns aus den Augen verloren.

Um die Stimmung etwas aufzuhellen, übergebe ich ihr ein kleines Geschenk aus Deutschland und muss schmunzeln: In typisch-chinesischer Manier fragt sie, ob sie gleich in die Tüte schauen darf. In asiatischen Kulturen wird der Wert eines Geschenks direkt begutachtet – ganz anders als bei uns, wo man aus Höflichkeit oft erst später einen Blick darauf wirft.

Auch die Preise für meine Grab-Fahrt und die Kosten für Unterkunft und Flug werden direkt erfragt. Die westliche Zurückhaltung beim Sprechen über Geldangelegenheiten, kennen Chines:innen nicht. Schon 2011 wurde ich als Studentin ständig nach meinem Einkommen gefragt, als wäre es die normalste Smalltalk-Frage der Welt.

Genauso selbstverständlich ist das Kommentieren von Äußerlichkeiten. Während wir essen, sprechen wir ausführlich über Haarausfall, die Adern an meinen Armen, die in der Hitze angeschwollen sind und andere körperliche Details.

Daran musste ich mich in 2011 erst gewöhnen.

Hatte ich einen Pickel auf der Stirn, wurde das sofort angesprochen. Meine Armbehaarung war ebenso Gesprächsthema wie die Länge meiner Wimpern. Und als ich während der drei Monate in Malaysia einige Kilo zunahm – das Essen hier ist und bleibt einfach zu gut – wurde das stolz anhand von Vorher-Nachher-Fotos dokumentiert.

„Deine Mama wird glücklich sein“, beteuerten meine Kolleg:innen.
„Sie sieht: Wir haben uns gut um dich gekümmert.“

Hinter all dem steckt absolut keine böse Absicht. Ich habe beobachtet, dass die locals solche Kommentare nicht nur mir gegenüber, sondern auch untereinander machen. Dass wir Europäer Gewichtszunahme nicht als Anlass zur Freude sehen und nicht so gerne darauf hingewiesen werden, hat dabei absolut niemand auf dem Schirm.

Walking and Talking

Angie bezahlt und wir schlendern durch die Sunway Pyramid, wie in alten Zeiten. Die Magie ist leider nicht mehr dieselbe wie damals, als alles neu und zauberhaft für mich war. Mein heutiges Ich sieht eine Mall wie alle anderen. Die Läden sind austauschbarer als früher: Wir flanieren zwischen Labubus und Stanley Cups, Korean Beauty Stores und Japanischen Bäckereien. Aus der Faber-Castell Boutique von damals ist ein wesentlich kleinerer Pop-up-Store geworden, an dem wir nostalgisch kurz innehalten.

Ich erinnere mich daran, wie wir damals stundenlang die Läden abgeklappert haben, um für eine Hochzeit Sandalen für meine großen deutschen Füße zu finden. An Durian-Desserts und meine Verwunderung darüber, was es mit all den verschiedenen Jelly-Varianten auf sich hat. Daran wie Angie mich beherzt ermutigte knallenge und kurze Kleider anzuprobieren, wie sie viele chinesische Frauen in Malaysia tragen. Und unseren Besuch im ikonischen „T-Bowl Restaurant“, dessen Thema anhand der Bilder deutlich wird.

Die Stunden vergehen. Irgendwann sitzen wir bei Paris Baguette, um uns bei überdimensionierten Heißgetränken über andere Lebensbereiche auf den neuesten Stand zu bringen. Wir reden über den deutschen Trainee, der nach mir nach Malaysia kam, die Eigenarten von Expats, Covid, Remote Work und Vegetarismus.

Schließlich wird es Abend. Die Stadt bereitet sich auf Silvester vor und wir möchten zurück in unseren Apartments sein, bevor der Verkehr die Straßen verstopft und gar nichts mehr geht. Ich überlege zu diesem Zeitpunt noch, ob ich mit Clarissa von der Walking Tour auf die Partymeile in Bukit Bintang gehe und Angie ist bei Freunden eingeladen.

Der Abschied fällt schwer.

Wir scherzen welcher unserer Grab-Fahrer das dickere Auto hat und schneller vor dem Eingang der Sunway Pyramid eintrifft. Verabschieden uns zwei Mal. Versprechen Bilder auszutauschen. Dann ist es soweit und wir müssen uns trennen. Bis zum nächsten Mal, wann immer es sein wird.

Als ich alleine im Auto sitze, fühle ich mich emotional erschöpft. Das Treffen mit Angie hat mich tief berührt. Sie wird für immer eine der prägendsten Personen meines Lebens sein.

Angie taught me Asia.

Sie hat mir beigebracht, diesen Teil der Welt zu navigieren, zu verstehen und aus tiefstem Herzen zu lieben. Deshalb bin ich seit 2011 jedes Jahr zurückgekehrt, um ein anderes asiatisches Land zu bereisen.

Ich glaube Angie hat nur eine vage Vorstellung davon, wie sie mich dadurch als Menschen mit Anfang 20 geprägt hat.

Silvester mit Skyline

Ich überlege bis zur letzten Minute, ob ich die große Silvesterparty in Bukit Bintang heute Abend besuchen soll, um ins neue Jahr zu feiern. Ich bin sogar schon vor Ort, als um 18.00 die gigantische Partymeile zum Leben erwacht. Das Aufgebot ist eptisch: Hier schläft heute Nacht niemand!

Wenn die Malaien eines können dann Party. Meine Gedanken kehren unweigerlich zu den zahlreichen Karaoke-Nächten zurück, die ich mir mit dem Sales-Team um die Ohren geschlagen habe. Mit zwei Stunden Schlaf und Restalkohol am nächsten Morgen zum Messeaufbau? Kein Problem.

Besonders gut habe ich mich mit der damals 28-jährigen Vicky aus unserem Vertriebsteam verstanden. Ob Drinks an der Hotelbar, oder einer feuchtfröhlichen Party-.Session mit ihrem frisch angetrauten Mann, ihrem Freund aus England und Alisha aus unserer Firma im „Alive“ – wenn wir zwei unterwegs waren, blieb kein Auge trocken.

In exlusiven Separees wurde bei feuchtfröhlicher Stimmung alles an englischen und chinesischen Songs geträllert, was die Karaoke-Box hergab. Netterweise gesponsered vom Sohn unseres Geschäftsführers. Während meine Gesangskünste deutlich Raum nach oben hatten, zeigten sich unter meinen Kolleg:innen erstaunliche Talente.

Ich denke, das ist einer der wohl größten Kontraste dieses Landes: Auf der einen Seite sind da die Muslime, die bekleidet baden gehen. Auf der anderen Seite die Chinesen, die in Bars bei Heineken und flammenden Alkoholtürmen (liebevoll „flaming“ genannt) das Leben abfeiern.

Doch mit 35 treffe ich andere Entscheidungen als mit 21. Ich bin am nächsten Morgen mit Nadila zum Wandern verabredet, trinke seit Jahren keinen Alkohol mehr und der Gedanke, nach Mitternacht im endlosen Stau von KL festzustecken, schreckt mich wirklich ab.

Zum Glück muss ich aufs Feuerwerk trotzdem nicht verzichten. Ich stapfe um kurz vor Mitternacht über das Treppenhaus vom 19. in den 31. Stock meines Condos – die Aufzüge sind blockiert, denn den Gedanken, das Neujahrsfeuerwerk von unserem Rooftop mi Skyline-Blick zu erleben, habe – wer hätte es gedacht – nicht nur ich.

Um 0 Uhr beobachte ich inmitten einer Traube von Menschen aus aller Herren Länder, das Feuerwerk, dass die Petrona Twin Towers und der KL Tower in den Nachthimmel spucken.

Bin ich froh, nicht in Bukit Bintang zu sein: Nach nur 3 Minuten ist der Himmel so verraucht, dass man außer zuckenden Lichtern im Nebel gar nichts mehr sieht. Am nächsten Tag sehe ich auf den sozialen Medien gruselige Videos vom Gedränge feierender Menschen, das fast zu einer Massenpanik ausgeartet wäre.

Als ich wenig später gemütlich die Treppenstufen wieder hinabschlurfe, werfe ich auf jeder Etage einen kurzen Blick durch die vergitterten Fenster und muss schmunzeln: Das kleine, improvisierte Feuerwerk, das Menschen aus der Nachbarschaft auf dem Parkplatz neben dem Condo abbrennen, gefällt mir ehrlich gesagt viel besser als das große offizielle.

Es fühlt sich echter an. Und irgendwie ein bisschen mehr nach KL.

Verfasst von:

Hallo! Mein Name ist Daniela. Ich arbeite im Marketing und lebe in München. Wenn ich nicht gerade arbeite oder reise, übe ich traditionelle Kampfkunst, Yoga oder mache Wanderungen in den bayerischen Voralpen. Schön, dass du hier bist und Teil meines Weges sein möchtest.

Schreibe den ersten Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert