Rückkehr nach Kuala Lumpur

Manche Reisen beginnen nicht am Flughafen, sondern Jahre vorher. Es ist der zweite Weihnachtsfeiertag. Ich stehe an meinem Heimatflughafen in Nürnberg und halte ein Ticket nach Kuala Lumpur (KL) in den Händen.

Dieser Trip ist für mich nicht „nur“ eine Reise, sondern die Rückkehr zu einer früheren Version meiner selbst. 2011 hatte ich als Duale Studentin die Möglichkeit ein 3-monatiges Auslandspraktikum bei Faber-Castell Malaysia zu machen. Ich war süße 21 Jahre alt und zum ersten mal alleine Reisen – und dann auch noch außerhalb Europas. Ich hatte damals keine Ahnung, wie sehr diese Erfahrung mein Leben in eine neue Richtung drehen würde.

Diese Artikelserie ist ein Dialog zwischen 2011 und 2025. Zwischen der Anfang Zwanzigjährigen, die damals zum ersten Mal Asien erlebte – und der 35-jährien Frau, die heute zurückkehrt, um die Orte ihrer Vergangenheit mit neuen Augen wahrzunehmen. Und gleichzeitg viel Neues zu entdecken.

Ich treffe auf alte Freunde und schließe neue Bekanntschaften. Beschreibe wie KL sich in den letzten 14 Jahren verändert hat. Und was gleich geblieben ist.

Lasst uns beginnen.

Ticket in die Vergangenheit

Meine Reise in die Vergangenheit beginnt mit einem liebevollen Drop-off meiner Mama am Nürnberger Flughafen. Ich bin aufgeregt wie mit 21 und durchlaufe die Flughafen-Prozedur mit der Routine und Souveränität einer 35-Jährigen, die viel gereist ist.

Rückblende 2011: Meine beiden Eltern verabschieden mich am Frankfurter Flughafen. Meine erste große Solo-Reise beginnt. Zum ersten Mal, strecke ich mich über die Grenzen Europas hinaus. Mein letztes deutsches Essen: Mc Donald’s. Wir schießen Fotos. Meine Mutter lächelt tapfer beim Abschied. Erst Jahre später erfahre ich, dass sie auf der Rückfahrt nach Nürnberg die ganze Strecke geweint hat. Niemand von uns wusste so recht, was diese Erfahrung mit mir machen und als welcher Mensch ich zurück nach Deutschland kommen würde.

Ich komme nach 15 Stunden Reise am KLIA an. Sammle mein Gepäck ein, besorge mir malayische Ringit und eine lokale SIM Karte. Innerhalb von Minuten bin ich online und verbunden. Ich erinnere mich wehmütig daran, dass ich in 2011 drei Monate lang nicht mit den Daheimgebliebenen kommunizieren konnte.

Die Technologie war damals noch nicht so weit fortgeschritten, dass alle Smartphones mobile Daten hatten. In der Tat hatte ich noch nicht einmal ein Smartphone, sondern einen alten Nokia-Knochen und bin mit gedruckten Karten durch KL gelaufen, um meine Wege zu finden. Nichts da Google Maps!

In meiner Unterkunft gab es kein WLAN. Nur einen stationären PC mit LAN-Verbindung, der die meiste Zeit von meinen Gasteltern in Beschlag genommen wurde. Ich schrieb Emails und lange Word Dokumente offline und verschickte sie in den kurzen Zeitfenstern, in denen ich daheim, in der Firma oder in Hotel Lobbies kurz online gehen konnte. Kommunikation war kostbar und zeitversetzt.

Unerwartetes Wiedersehen

Ich steuere auf der Suche nach meinem vorabgebuchten Flughafen-Transfer durch die Ankunfthalle und spüre eine mir unbekannte Nervosität in der Magengegend. Ab dem Moment in dem ich Fuß auf malayischen Boden setze, sagt mir mein Körpergefühl: Ich bin wieder hier – aber irgendwie nicht dieselbe. Und das wird keine Reise wie alle anderen.

Ich erinnere mich daran, wie mich meine chinesische Gastmama Angie vor 14 Jahren freudestrahlend mit einem Faber-Castell Schild am KLIA einsammelte.

Auf einmal spricht mich jemand von der Seite an: „Looking for someone?“

Ich kann es nicht fassen: Es ist meine liebe Freundin Nadila. Sie ist mit ihrer Freundin Pika und ihren beiden Kindern extra zum Flughafen gefahren, obwohl sie wusste, dass ich einen Fahrer habe. Sie wollte die Erste sein, die mich willkommen heißt.

Wir fallen uns in die Arme. Und weinen.

Coffee Mates

Nadila war damals meine Kollegin in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung. Die Abteilung bestand aus zwei Chinesen, Goh und Awan, einem Malayen, Azmi und mehreren jungen Laborantinnen, die Kopftuch und das traditionelle Gewand malayischer Frauen trugen.

Am Anfang waren wir schüchtern und dann unzertrennlich. Nadila und ich hatten von Anfang an eine besondere Verbindung. Ich schrieb damals über sie: „Sie ist ein Jahr älter als ich und der schönste Mensch, den ich je gesehen habe. Ohne ein Gramm Make-up. Sie ist bereits verlobt, mit einem lustigen, jungen Mann im selben Alter.“

Nadila brachte mir die muslimische Kultur näher, mit der ich damals noch keine Berührpunkte gehabt hatte. Sie nahm mich mit in Moscheen, lokale Restaurants und brachte mir bahasa melayu bei. Unser Sprachaustausch war legendär. Mit dem Ergebnis, dass die F&E Abteilung nach meiner Abreise, kichernd zu ihrem Chef sagen konnten: „Du bist dumm, langsam, alt und hässlich.“

Nadila schenkte mir sogar einen handgefertigten baju kurung aus türkisem und violettem Stoff, der bis heute in meinem Kleiderschrank hängt. Freitags trugen alle Frauen im Büro dieses traditionelle Gewand und die Arbeit wurde für das Freitagsgebet unterbrochen. Ihr könnt euch vorstellen, wie groß die Augen der Mitarbeitenden wurden, als ich als Ausländerin eines Tages selbst im baju kurung erschien, um diese Tradition zu würdigen.

Eines der vielen Dinge, die Nadila und ich gemeinsam haben, ist die Liebe zu Kaffee. So entstand auch unser Running Gag: Wir stellten fest, dass ihr Hautton der Farbe von Kaffee und meiner eher der von Milch entspricht. Wir gehören zusammen wie coffee & creamer. Und bezeichneten uns von da an als Coffee Mates.

Bis heute ist das für mich der Inbegriff vn kultureller Begegnung mit Humor, Leichtigkeit und Selbstironie.

Und deshalb auch der Name dieses Blogs.

Condo Erfahrungen

Mein Fahrer wartet bereits und so lasse ich Nadila schweren Herzens gehen. Allerdings nur für ein paar Stunden. Am Morgen sehen wir uns wieder, um gemeinsam auf Tour zu gehen.

Malaysia hat sich verändert. Längst hat Grab das Land erobert. Innerhalb von Minuten könnt ihr über diesen oder andere e-hailing services einen Fahrer in jede noch so unbekannte Ecke der Stadt rufen. Preise: minimal. Unabhängigkeit von der örtlichen Taxi-Mafia: maximal!

Auf der Fahrt ins Zentrum ziehen KLs berühmte landmarks an mir vorbei: Petronas Towers, KL Tower, Nationalmuseum und Nationalmoschee. Der vertraute Anblick macht mir weiche Knie. LED-Hibiskusblüten leuchten rot entlang der Straßen. Kuala Lumpur war 2025 Gastgeberin des ASEAN-Gipfels. Die Stadt trägt ihr Wachstum stolz zur Schau.

Meine Unterkunft in der Majestic Residence KLCC bietet Skyline-Blick, Infinity Pool und ein Gym mit spektakulärer Aussicht. Das Apartment hat eine tolle Küchenzeile, ein großes, bequemes Bett, ein Sofa und einen Tisch mit Stühlen. Ein Luxus, der für mich 2011 unvorstellbar war.

Desa Impiana. In 2011 bewohnte ich das Gästezimmer in einer Wohnung in einem Condo in Subang, in dem meine Gastmama Angie zusammen mit ihrem Partner Ray lebte.

Das Desa Impiana Condo meiner Gasteltern Angie und Ray lag weit außerhalb des Stadtzentrums in Subang. Eine Fahrt in die Innenstadt mit dem Auto konnte gut eine Stunde in Anspruch nehmen. Die einzige Möglichkeit für mich unabhängig in die Stadt zu kommen, waren Taxis oder ein drop-off meiner Gasteltern an der Endhaltestelle des Skytrains, die ein gutes Stück weit entfernt war.

Mein Zimmer war bescheiden. Es gab keine Klimaanlage, nur einen Ventilator über dem Bett, den ich nachts nicht einschaltete, da mir der Wind auf dem Gesicht unangenehm war. Ich gewöhnte mich daran in meinem Schweiß zu schlafen. Das Fenster konnte ich nicht öffnen, da mich Moskitos und das Bellen streunender Hunde nicht schlafen liesen. Es gab kein WLAN und kein warmes Wasser in der Dusche.

Heute bin ich unabhängiger. Die Umstände sind komfortabler. Aber nicht alles ist glänzend.

Der Vermieter will dass ich bar bezahle und versucht mich zu einem privaten Deal zu überreden, um sich die Provision über Booking zu sparen. Trotz lockendem Preisnachlass bleibe bei meiner Reservierung, bestehe auf eine Quittung für die Barzahlung.

Mit 21 hätte ich vielleicht gezögert. Mit 35 verunsichert mich so etwas nicht mehr.

Auch wenn die glänzenden Bilder eine andere Sprache sprechen: Ich würde die Unterkunft nicht weiterempfehlen. Das Verhalten des Vermieters wäre dafür Grund genug. Hinzu kommt, dass die Sauberkeit verbesserungswürdig ist und dass es nicht einmal die einfachsten Instruktionen gab. Ich musste mir alles selbst erschließen oder nachfragen: Wie bedient man das Türschloss? Wie den Boiler? Wo kann ich Müll entsorgen? Wie funktioniert der Check-out?

Die Lage des Apartments ist theoretisch zentral, praktisch aber umständlich. Der Verkehr rundum ist chaotisch. Zur Rushhour standen meine Freunde und Grab-Fahrer, die mich abholten oft ewig im Stau, da der Verkehrsfluss in den verwinkelten Straßen rund um das Condo nicht funktioniert. Neben den glänzenden Neubauten stehen heruntergekommene Häuser. Obdachlose sitzen in Nebenstraßen.

All das kann meiner Laune gar nichts. Ich stelle lediglich fest. Kuala Lumpur ist moderner geworden – aber nicht glatter.

Rückkehr mit allen Sinnen

Als ich das Condo verlasse atme einmal tief durch. Diese Luft: warm, feucht, süßlich. Ich erinnere mich genau, wie es sich 2011 anfühlte, als ich mit Angie zusammen zum ersten Mal das Flughafen-Gebäude verlies und gegen diese Wand aus Hitze lief.

Ich steuere die Quill City Mall gegenüber an. Ein praktischer Anlaufpunkt für ATM, Supermarkt und Foodcourt. Ich gönne mir nasi kerabu bei Kakatoo. nach einem kurzen, schweren Schock gewöhnen sich meine Geschmacksnerven überraschend schnell wieder an das scharfe Essen Malaysias.

Ich erinnere mich, wie ich damals bei Faber-Castell mit dem scharfem nasi lemak zu kämpfen hatte, der täglich in der von Malayen betriebenen Kantine zum Frühstück serviert wurde. Vor allem in der Kombination mit süßem Milchtee (teh tarik) eine sehr ungewohnten Kombination für europäische Mägen.

2011 brachte mir meine Kollegin Suhana aus der Qualitätskontrolleeinmal nasi kerabu zum Frühstück mit. Sie zeigte mir, wie man mit den Fingern den blauen Reis zu kleinen Bällchen formt und ohne große Kleckerei in den Mund befördert. Eine Technik, die gelernt sein will – damit nichts daneben geht und man nicht beim Essen verhungert. Ich verstand damals auch, warum die Frauen meist keinen chemischen Nagellack trugen, sondern natürliches und essenskompatibleres Henna. Nach dem Essen wuschen wir die Hände im Gebetsraum. Ein geniales Erlebnis.

Als ich später am Fenster meines Apartments stehe und den fließenden Verkehr unter mir beobachte bin ich genauso berührt und überwältigt wie bei meiner ersten Landung vor 14 Jahren. Und freue mich auf morgen. An unserem ersten gemeinsamen Tag in KL werden Nadila, Pika und ich neue Orte entdecken und alte Erinnerungen wachkitzeln.

Verfasst von:

Hallo! Mein Name ist Daniela. Ich arbeite im Marketing und lebe in München. Wenn ich nicht gerade arbeite oder reise, übe ich traditionelle Kampfkunst, Yoga oder mache Wanderungen in den bayerischen Voralpen. Schön, dass du hier bist und Teil meines Weges sein möchtest.

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