Seilbahnfahrt auf den Maokong

Es fühlt sich ein bisschen wie ein Déjà-vu an als ich in Taipei in die braune MRT-Linie einsteige, die mich bis zur Endstation Taipei Zoo bringt. Der Zug fährt auf dieser Strecke autonom – ganz ohne Fahrer. Eine charmante Parallele zu meiner Heimatstadt Nürnberg, die ganz stolz auf ihre fahrerlose U-Bahn ist. Irgendwie ist es schön und abstrakt zugleich, am anderen Ende der Welt plötzlich etwas so Vertrautes wiederzufinden.

Der Zoo von Taipei ist heute allerdings nicht mein Ziel. Ich bin wegen der Seilbahn hier, die mich hinauf auf den Maokong bringt – ein Hausberg Taipeis, der für seine Teeplantagen berühmt ist. Ich habe eine Gondel ganz für mich. Was an anderen beliebten Reisezielen ein vorstellbarer Luxus ist, macht Taiwan möglich. Hier ist nicht mal an den Wochenenden übermäßig viel los und unter der Woche hat man sogar die Hotspots ganz für sich alleine.

Die Seilbahnfahrt ist kurzweilig und tiefenentspannt. Entlang der Strecke gibt es verschiedene Möglichkeiten, auszusteigen. Zum Beispiel um den oberen Eingang zum Taipei Zoo zu nehmen, oder um den Zhinan Tempel zu besuchen. Der steht auch auf meiner Liste, ich entscheide mich jedoch, zuerst den Maokong zu erkunden und dann von dort bergabwärts zum Tempel zu laufen. Mit jedem Meter lasse ich die Großstadt hinter mir und tauche eine in saftig grüne Baumwipfel und sanfte Hügel.

Tee, Tee, Tee

Oben angekommen, ist die Botschaft klar: In Maokong dreht sich alles um den High Mountain Tea, der hier angebaut wird. Schon auf den ersten Metern sehe ich unzählige kleine Läden und Cafés, die mir allerlei Tee-Kreationen anpreisen:

  • klassisch heiß oder kalt serviert
  • cremiges Tee-Eis
  • Toast mit Teebutter
  • Nudeln mit Teeöl
  • Gebratener Tee-Reis
  • Taiwans berühmte Tee-Eier

Und vieles mehr. Tee ist hier nicht nur ein Getränk, er steckt in wirklich allem und die Kreativität bei der Verarbeitung kennt keine Grenzen. Irgendwie steckt es mich sofort an.

Die Sache mit dem „letzten Snack“

Eigentlich ist es mein Ziel, zum Yinhe Cave Temple zu wandern. Doch schon nach wenigen Metern bleibe ich an einem Schild des charmanten Morning Tea House hängen: “Last snack opportunity before cave temple.” Marketing-Trick? Sicher. Aber ein verdammt guter. Und da ich auch als Marketeer nicht davor gefeit bin, solchen Catchphrases auf den Leim zu gehen, kehre ich ein.

Teebutter-Toast

Ich bereue es keine Sekunde. Bei einem eiskalten Grüntee und knusprig-fluffigem Toast mit Teebutter sitze ich auf der Terrasse des urtümlichen Cafés, beobachte bunte Fische im Gartenteich und sehe wie in der Ferne der Taipei 101 wie ein kleiner Pfeil in den wolkenbedeckten Himmel aufragt. Der Service ist richtig nett, das antike Interieur versprüht Retro-Vibes, und außer mir sind nur zwei weitere Gäste da. Dieser Ort fühlt sich an wie ein echtes Juwel.

Während ich die Aussicht genieße, begleitet mich ein leicht mulmiges Gefühl: Die Wetter-App verheißt Regen. Und mein Kopf malt sich bereits aus, wie die Seilbahn den Betrieb einstellt und ich auf dem Berg festhänge. Sehr unwahrscheinlich, ich weiß – aber das unberechenbare Wetter Taiwans bringt mich immer wieder ins Grübeln. Die letzten Tage war Regen stets vorausgesagt und trat nicht ein. In der vorigen Nacht habe ich mir eingebildet, dass mein Hostelbett wackelte. War das ein Mini-Beben oder meine lebhafte Fantasie?

Tempel, Treppen und ein stolzer Gärtner

Voller Energie und angetrieben von der Wetterwarnung mache ich mich auf den Abstieg zum Höhlentempel. Der Weg ist nicht lang, aber die schwüle Hitze und unzählige Treppenstufen machen ihn anstrengender als gedacht.

Unterwegs begegnet mir ein älterer Herr, der mich voller Stolz bittet, seinen japanischen Ahornbaum zu begutachten. Ich nicke begeistert – seine Freude ist so ansteckend, dass ich den Schweiß, der mir den Rücken herunterläuft, kurz vergesse.

Der Cave Temple selbst ist eines meiner Taiwan-Highlights. Der kleine, traditionelle Tempel ist in eine Felswand hineingemeiselt und liegt hinter einem Wasserfall und herabhängender Dschungelvegetation verborgen. Er ist Lü Dongbin gewidmet, einem der Acht Unsterblichen der chinesischen Mythologie. Angeblich soll Lü Dongbin einen Fußabdruck auf einem Felsen oberhalb des Wasserfalls hinterlassen haben, weshalb der Tempel errichtet wurde

Die Atmosphäre ist still und geheimnisvoll. Ich bin völlig beeindruckt davon, wie menschgemachte Architektur, Spritualität und Natur hier miteinander verschmelzen. Und sehr dankbar dafür, dass ich meinem Bauchgefühl gefolgt bin und mich trotz Wetterbericht auf den Weg gemacht habe.

Lost in Translation

Zurück an der Seilbahn treibt mich der Hunger ins Four Brothers Restaurant, wo ich auf Englisch bestelle – mit mäßigem Erfolg. Das Essen schmeckt super, aber ich habe mir eine riesige Schüssel „family rice“ bestellt, die eigentlich für mehrere Personen gedacht ist. Nun ja, wer wandert, darf auch essen.

Während ich mit meinem Teereisberg kämpfe, feiert nebenan eine taiwanische Großfamilie Geburtstag. Kuchen, Gesang und Gelächter erfüllen den Raum – und ich fühle mich dieser fröhlichen Runde seltsam zugehörig.

Ein Tempel wie aus einer anderen Welt

Während ich esse, setzt leichter Regen ein. Dennoch mache ich mich auf den Wanderweg hinab zum Zhinan-Tempel, der auf dem sogenannten Monkey Mountain liegt. Das Blätterdach, meine Regenjacke und der mitgebrachte Regenschirm spenden mir Schutz, während ich komplett alleine durch Taipeis bergiges Umland spaziere.

Der Weg führt mich stetig bergab zur beeindruckenden Zhinan-Tempelanlage. Der Tempel wurde 1882 während der Qing-Dynastie gegründet, ist wie der Cave Tempel früher am Tag dem daoistischen Unsterblichen Lü Dongbin gewidmet und ist einer der bedeutendsten buddhistisch-daoistischen Tempelkomplexe der Maokong-Region. Den Namen verdankt der Tempel seiner südlichen Ausrichtung – „Zhinan“ bedeutet „nach Süden zeigen“.

Buddhistische Mönche singen im Haupttempel, während sich über mir ein kunstvoll bemalter Götterhimmel eröffnet. Die Schönheit dieses Tempels raubt mir den Atem. Ich sehe rührende Opfergaben aus Blumen, Räucherstäbchen und Früchten – und direkt daneben Tempelmitarbeiter, die sichtbar amüsiert auf ihren Handys YouTube-Videos schauen. Ein herrlicher Kontrast.

Wie so viele Orte in Taiwan ist auch dieser Tempel kostenlos zugänglich – ob man nun Praktizierende:r der Religion ist, oder nur stille Zaungästin, so wie ich. Ein Umstand, der mich als Europäerin immer wieder staunen lässt. Der Komplex besteht aus mehreren Hallen, Schreinen, Brücken, Pagoden und Aussichts-Plattformen, die euch einen beeindruckenden Ausblick auf das ferne Taipei ermöglichen.

Zurück in die City

Als ich später wieder in der MRT sitze, fühle ich mich erfüllt von diesem Tag. Tee, Tempel, kleine Begegnungen und große Aussichten – Maokong hat mir gezeigt, dass Taipei weit mehr ist als Hochhäuser und hektische Straßen.

Und während die Bahn mich zurück ins Zentrum bringt, denke ich an das nächste Kapitel meiner Taiwan-Reise, das nun bevorsteht. Es geht nach einer Woche hinaus aus Taipei. Mein Weg führt mich weiter die Ostküste entlang nach Hualien – wo dramatische Klippen, ungezähmter Ozean und eine ganz andere Seite von Taiwan erwarten.

Verfasst von:

Hallo! Mein Name ist Daniela. Ich arbeite im Marketing und lebe in München. Wenn ich nicht gerade arbeite oder reise, übe ich traditionelle Kampfkunst, Yoga oder mache Wanderungen in den bayerischen Voralpen. Schön, dass du hier bist und Teil meines Weges sein möchtest.

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