Was braucht es um eine Bayerin von einem See zu begeistern? Die Messlatte liegt hoch. Aber Spoiler: Der Sun Moon Lake hat es geschafft.
Der größte und bekannteste See Taiwans liegt im Bezirk Nantou auf etwa 748m Höhe und ist von bewaldeten Bergen umgeben. Den poetischen Namen verdankt er seiner Form: Der östliche Teil erinnert an eine Sonne, der westliche an die Silhouette eines Halbmondes.
Seit Jahrzehnten ist der Sun Moon Lake eines der beliebtesten Ausflugs- und Feriendomizile der Taiwaner:innen – und nach den intensiven, teils ernüchternden Erfahrungen in Alishan fühlt er sich für mich an wie ein tiefes Ausatmen.
Transfers und Abschiede
Als uns der Bus an der Haltestelle am Sun Moon Lake ausspuckt, sortieren mein deutscher Mitreisender Marcel und ich erst einmal unsere Wege. Für ihn geht es weiter nach Ita Thao, ein Dorf am anderen Seeufer, in dem sich die Kultur des indigenen Volkes der Thao erleben lässt. Einer Legende nach entdeckten Thao-Jäger den Sun Moon Lake, als sie einen weißen Hirsch durch die Berge verfolgten.
Meine Unterkunft ist auf dieser Seite des Sees, im Hauptort Shuishe. Bevor ich die wenigen Meter dorthin spaziere, hole ich mir am Schalter mein Ticket für die Rückfahrt nach Taipei ab – dank der wie immer hervorragenden Anleitung von Taiwan Obsessed ein Kinderspiel. Dann trennen sich unsere Wege.
Der Sun Moon Lake gehört zusammen mit Alishan zu den touristischsten Orten Taiwans. Und ja, man merkt es. Die Hotels sind alt, teuer und bestenfalls mittelmäßig. Die Restaurants servieren oft teures, uninspiriertes Essen – eine Seltenheit in Taiwan. Ich halte es simpel und snacke mich mit Streetfood durch. Den Rest regelt 7 Eleven. Für ein paar Tage funktioniert das erstaunlich gut.
Und trotzdem: Der Ort hält. was er verspricht. Schon bald werde ich verstehen, warum so viele Menschen seit Jahrzehnten hierher zurückkehren.
Praktisch und gut: Deer Traveler Hostel
Ich verbringe die nächsten beiden Nächte im Deer Traveler Hostel, das perfekt zwischen dem Shuishe Pier, von dem die Bootsfahrten über den See starten und der zentralen Bushaltestelle liegt. Eine der wenigen bezahlbaren Optionen am See – und ich habe Glück: Der Frauenschlafsaal gehört mir allein.
Beim Check-in bekomme ich Ermäßigungskarten für die Bootsrundfahrt und die Seilbahn – beides absolute Must-dos. Noch ein Pluspunkt: Es gibt kostenlose Handtücher, Tee, Instantkaffee, Schlafmasken und Ohrstöpsel.
Alles in allem hatte ich eine gute Zeit in diesem Hostel. Vermisst habe ich allerdings eine Mikrowelle im Gemeinschaftsraum. Auch die limitierten Nutzungszeiten für die common area irritieren mich. Morgens darf man sich genau genommen erst ab 08:00 dort aufhalten. Als Frühaufsteherin ignoriere ich das kurzerhand und niemand beschwert sich.
Außerdem gibt es kleine Ameisen in der Unterkunft, weshalb keine Lebensmittel offen herumstehen oder im Schlafsaal kosumiert werden dürfen. Die Check-in-Zeit von 15:00 bis 19:00 ist auch ziemlich sportlich. Wir wissen ja alle, das man Pünktlichkeit auf Reisen trotz guter Planung nicht immer unbedingt selbst in der Hand hat.
Kaffee mit Seeblick
Das Starbucks um die Ecke wird mein täglicher Anker. Normalerweise meide ich die Kette, doch hier in Taiwan sind die Preise für mich moderat – und der Seeblick ist einfach unschlagbar. Morgens und abends ist es ruhig, da weniger Leute hier übernachten. Die meisten machen nur einen Tagesausflug. Die Toilette teilt sich das Starbucks mit Ten Ren’s Tea – eine super Adresse, um den berühmten Sun-Moon-Lake-Schwarztee zu probieren.
Ich bin müde. Wirklich müde. Vier Wochen Reise in einem Land, das nicht auf ausländische Individualreisende ausgelegt ist liegen hinter mir, unzählige Eindrücke hallen nach. Mein Kopf ist voll, mein Körper erschöpft, meine Reisekasse leer.
Auf dem Wasser
Die schönste Art, den See zu erleben, ist per Boot. Vom Shuishe Pier geht es los – nach kurzem Suchen finde ich auch den richtigen Anleger und verstehe das System. Welches Boot ist meines? Natürlich, das Knallpinke mit dem Einhorn obendrauf. Asiatischer Kitsch at its best.



Die erste Fahrt um 9:00 ist menschenleer und still. Als ich zurück auf das immer kleiner werdende Seeufer blicke, muss ich leider feststellen: Der Hauptort ist komplett zubetoniert mit seelenlosen Hoteltürmen. Zum Glück betrifft das nur diesen Bereich. Der Rest des Sees gehört der Natur.
Pilgerpfade und Pagoden
Ich steige beim ersten Stopp aus und besuche den Xuanguang Tempel. Er wurde 1955 errichtet, um die Reliquien des chinesischen Mönchs Xuanzang (602–664) aufzubewahren – eine zentrale Persönlichkeit des Buddhismus in Ostasien aus dem 7. Jahrhundert. Bekannt wurde Xuanzang durch eine legendäre, 17-jährige Pilgerreise nach Indien, auf der er den Buddhismus in seiner ursprünglichen Form erforschen wollte.



Seine Reliquien wurden später in den Xuan Zang Tempel überführt, der über einen 40-minütigen Wanderweg zu erreichen ist. Der Qinglong-Trail ist Wanderpfad und Pilgerweg zugleich. Die Vegetation ist üppig – die Moskitos auch. Mückenspray ist Pflicht.
Oben öffnet sich der Blick: Hier treffen Sonne und Mond aufeinander. Der See liegt ruhig unter mir, das Wetter ist sonnig, die Aussicht ungetrübt. Ein Geschenk.
Good to know: Am Sun Moon Lake gilt: Tee-Eier, Tee-Tofu, Tee-Everything. Dieser kleine Imbiss hier verkauft meiner Meinung nach die köstlichsten Tee-Eier am Ort. Es ist der perfekte Protein-Snack nach dem Treppensteigen. Eine freundliche junge Frau schmeißt den Laden, während ein alter Mann neben ihr friedlich in seinem Stuhl döst.
Tee-Eier sind in ganz Taiwan eine beliebte Speise. Und die aus der Region rund um den Sun Moon Lake gelten als die besten. Ich stimme zu, muss jedoch auch gestehen: Die von 7 Eleven kommen verblüffend nah heran.






Der Xuan Zang Tempel ist ein spiritueller Ort, der große Ruhe ausstrahlt. Barfuß erklimme ich mehrere Stockwerke, um der Schädelreliquie des Mönchs die Ehre zu erweisen, die im 2. Weltkrieg ihren Weg von Nanjing in China, über Japan bis nach Taiwan gefunden hat.




Geschichte, Spiritualität und Panorama verschmelzen hier zu etwas ganz Besonderem. Nach einer von Mönchen servierten Ramen-Suppe und einem nach Marzipan schmeckenden Aprikosenkern-Drink marschiere ich über viele weitere Treppenstufen weiter zur Ci’en Pagode, die sich auf 954 Metern über den See erhebt. Chiang Kai-shek ließ sie 1971 zu Ehren seiner Mutter Wang Caiyu errichten. Der Aufstieg kostet Schweiß – der Rundumblick ist unbezahlbar.
Ita Thao
Meine nächste Station auf der Bootsrundfahrt ist der Ita Thao Shopping District, der für seine food street berühmt ist. Ich snacke mich durch Tee-Tofu, Shrimp Rolls (hier) und Guave mit Pflaumenpulver und Zitrone (hier). Danach geht es weiter Sun Moon Lake Seilbahn.



Die Fahrt ist überraschend schön. Steil, ruhig, mit freiem Blick über den See. Da nichts los ist, bekomme ich eine Gondel ganz für mich alleine – auf dem Rückweg sogar mit Glasboden, was normalerweise einen Aufpreis kostet. Der verschwörerische Blick der Mitarbeiterin spricht Bände: women supporting women. Ich habe das Gefühl aus meinem rabattierten Ticket das Maximale herausgeholt zu haben.
Zurück in Ita Thao fängt es an zu schütten. Ich entscheide mich gegen den Besuch des Wenwu-Tempels, denn der einzige Bus, der um den See zirkuliert, macht gerade 1,5 Stunden Mittagspause. Taiwan’s Bussystem lässt mich verwundert zurück.
Hanbi Trail
Ich verschanze mich in Ten Ren’s Tea und schlürfe einen personalisierten Sun Moon Lake Black Tea, während ich auf die nächste Regenpause warte. Dann mache ich mich mit Regenschirm bewaffnet auf, um ein Stück auf dem Hanbi Trail entlang des Seeufers zu gehen.
Dort stoße ich völlig unerwartet auf die Church of the Gesù, eine christliche Kirche, die Chiang Kai-shek für seine Frau bauen ließ.



Ich werde herzlich empfangen, darf lesen, schreiben, innehalten. Beim Abschied berührt mich einer der Männer sanft am Arm – eine Geste der Nächstenliebe.
Selten habe ich meine eigene Religion so positiv erlebt.
Völlig unerwartet stoße ich auf die Church of the Gesù, die Chiang Kai-Sheck für seine Frau Soong Mei-ling bauen ließ. In diesem von buddhistischen und taoistischen Tempeln geprägten Land, sticht die christliche Kirche mit ihren gelben Säulen und weißen Wänden nicht nur architektonisch heraus.
Ich werde herzlich von zwei Männern empfangen, die perfekt Englisch sprechen. Sie laden mich ein, Platz zu nehmen, die Infobroschüre zu lesen, ein Gebet auf ein Stück Papier zu schreiben und in eine bereitgestellte Box zu werfen.
Beim Abschied berührt mich einer der Männerin einer Geste der Nächstenliebe sanft am Arm. Selten habe ich meine eigene Religion so positiv erlebt.
Traveller Meet-up im Regen
Der Spaziergang am See ist idyllisch. Immer wieder gibt es kleine Pavillions, die Zuflucht vor dem Regen bieten. Unter einem davon treffe ich Reisende aus England und Irland. Sie sind seit 3 Monaten unterwegs und haben viel zu erzählen.





Und ratet, wer sich wenig später zu uns gesellt?
Es ist Marcel von der Busfahrt, der heute mit dem Leihfahrrad einmal um den See geradelt ist. Gespräche im Regen, Lachen, geteilte und getrennte Wege – genau diese Momente liebe ich so sehr am Reisen. Als die Dunkelheit langsam einsetzt, laufen wir in Zweiergespannen zurück nach Shuishe.
Der perfekte Abschluss
Der Sun Moon Lake war eine rundum schöne Erfahrung. Entspannt, inspirierend und überraschend wohltuend. Ich verstehe, warum Taiwaner:innen seit Jahrzehnten hierherkommen, um einen Gang herunterzuschalten. Ich wäre gerne länger geblieben.
Doch mein Monat in Taiwan geht zu Ende.
Am nächsten Morgen bringt mich der Bus zurück nach Taipei – dorthin, wo sich der Kreis schließt und ich noch einmal meine liebe neue Freundin Jen aus Tainan treffen darf, bevor ich nach vier intensiven Wochen zurück ins heimelige München fliege.
Bittersüße Melancholie macht sich in mir breit. Ich wappne mich innerlich für den Abschied.



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