Staubfänger der Berge: Fenchihu

Fenchihu liegt auf 1.400 Metern Höhe in Zentraltaiwan – klein, nebelverhangen und eingerahmt von Bergen. Für viele Reisende ist der malerische Ort nicht mehr als eine Zwischenstation auf dem Weg nach Alishan. Ein Ort, den man „mitnimmt“, weil die Alishan Forest Railway hier hält.

Die berühmte Eisenbahnstrecke wurde von den Japanern errichtet, als sie die Region in der Kolonialzeit wirtschaftlich erschlossen. Sie fällten die massiven Bäume im zentralen Hochland und transportierten sie per Zug ab. In Fenchihu wurden die alten Dampflokomotiven repariert und für die Weiterfahrt mit Wasser und Kohle fit gemacht.

Fenchihu

Die geografische Lage – von drei Seiten von Bergen umschlossen, zu einer Seite offen – inspirierte auch den Ortsnamen. Die Bewohner:innen fühlten sich dadurch an die Form eines traditionellen taiwanischen Staubfängers, genannt Benji, erinnert. Im Laufe der Jahre wurde daraus Fenchihu.

Ich hatte nie vor, hier zu übernachten. Das ich es doch getan habe, gehört zu den besten Entscheidungen meiner Taiwan-Reise.

Sicherer Hafen: Das Fenchihu Hotel

Als mich meine Uber-Fahrerin in einer Regenpause am Ortsrand absetzt, fühle ich mich erst einmal eingeschüchter und ein wenig verloren. Nebel hängt zwischen den Häusern, alles ist mucksmäuschen still und die Feuchtigkeit kriecht mir in die Glieder.

Mein Weg führt mich schnurstraks ins Fenchihu Hotel – und damit direkt in einen sicheren Hafen.

Dieses altehrwürdige Hotel ist nicht nur irgendeine Unterkunft. Es ist der Ort, um in Fenchihu zu übernachten – und der Hauptgrund, warum mein Aufenthalt so leicht, ruhig und entspannt war.

Das Personal empfängt mich aufmerksam, verwahrt mein Gepäck und nimmt mir durch seine Professionalität jede Unsicherheit. Meine spontane Buchung war teuer – rund 100 Euro pro Nacht, die teuerste Unterkunft meiner Reise. Doch ich bekomme viel mehr, als ich bezahlt habe.

Mein Zimmer ist im japanischen Vintage-Stil eingerichtet: Tatami, Futon, Holzzuber. Nachts ist es still. Wirklich still. Und genau das brauche ich gerade mehr als alles andere.

Dazu kommen jede Menge Extras:
Frühstücksgutscheine für den 7/11, der sich im selben Gebäude befindet. Rabatt für einen fantastischen Teeladen. Und kostenlose geführte Wanderungen, die ich gleich zwei Mal mitmache. Dazu später mehr.

Taiwans höchstgelegene Old Street

Sobald ich das Hotel verlasse, stehe ich mitten auf der Old Street – eine nur 500 Meter lange Straße, die sich den Berg entlang und durch den Ort zieht. Sie gilt als die höchstgelegene Old Street Taiwans.

Sie hat wirklich Charme, vor allem am Morgen, bevor die Tagestourist:innen anrollen. Wenn die vielen kleinen Läden langsam ihre Rollläden hochziehen und der Duft von Tee, frittierten Snacks und frischem Kaffee durch die feuchte Bergluft wabert.

Hier gibt es alles, was die Region ausmacht: High Mountain Oolong Tea, frisches Wasabi, Baumtomaten, Reiscracker, Hirsedonuts – und natürlich Fenchihus berühmte Bento-Boxen.

Kaffee im Regen

Im Station Café gönne ich mir eine Kaffee-Pause mit Blick auf die Old Street. Es gibt köstlichen Alishan Pour Over Coffee, Stechdosen, fetzige Musik und freundlichen Service, mit dem die Kommunikation auf Englisch möglich ist.

Näher am Alltag der Einheimischen ist dieses exzellenten Café: 大姑媽阿里山咖啡 Als ich dort ankomme, erwacht nicht nur Fenchihu, sondern auch die Kaffeemaschine gerade erst zum Leben. Der entzückende ältere Herr entschuldigt sich mit einem Lächeln bei mir. Ich bestelle mit Google Picture Translate, sitze im Regen auf einer Bank vor dem Café, blättere gedankenversunken im Lonely Planet – und schaue Fenchihu beim Aufwachen zu.

Bento Mania

Tagsüber ist viel los in Fenchihu. Eine der Hauptattraktionen ist die ikonische Railway Bento. Entwickelt wurde sie für die Reisenden von und nach Alishan, die sich die Zeit in Fenchihu vertrieben, während ihre Dampfloks für die Weiterreise fit gemacht wurden.

Ich probiere zwei Varianten:

  • Die aus einem beliebten Lokal, das ich über einen Blogartikel aufstöbere – unübersichtlich, chaotisch, laut. Ich bin wenig überzeugt, aber es war ein fairer erster Versuch.
  • Die hauseigene Bento des Fenchihu Hotels begeistert mich umso mehr: vegetarisch, liebevoll, serviert in einer wertigen Metalldose, wie in alten Zeiten. Suppe gibt es gratis dazu. Mein klarer Favorit.

Doch Fenchihu kann weit mehr als Bento. In einem Imbiss in der Old Street entdecke ich küstliche Tofu-Burger (doufu hanbao). Zwischen zwei dicke Scheiben in Tee geschmorten Tofus kommen eingelegtes Gemüse und eine vegetarische „Pork Floss“-Alternative. Auf der Suche nach einem Platz winken mich eine allein reisende ältere Dame und eine Mutter mit ihrem Sohn an ihren Tisch.

Sie teilen ihre Dumplings mit mir. Einer davon eine Sonderedition zum Drachenbootfest, der andere ein Herbal Dumpling von diesem kleinen Verkaufsstand unweit der Old Street, zu dem ich später zurückkehre, um mich zu bevorraten. Der Junge nutzt die Gelegenheit, sein Englisch mit mir zu üben. Mein Herz schmilzt.

Fenchihu fühlt sich für mich rundum gut an.

Zypressenwälder und Shinto-Schreine

Die wahre Magie von Fenchihu beginnt jenseits der Häuser.

Der Cedar Boardwalk Trail ist einer von vier größeren Wanderwegen in der näheren Umgebung. Er führt über gut ausgebaute Holzstege durch beeindruckende Wälder mit Taiwans berühmten Zypressen (Hinoki), Ahornbäumen und urzeitlichen Farnen zu einem kleinen Erdgott-Tempel.

Ich gehe den Weg einmal allein und einmal mit der Führung, die das Fenchihu-Hotel anbietet. Ich könnte ihn auch hundert Mal gehen und wäre jedes Mal überwältigt, wenn der Nebel aufzieht, der Regen auf das Blätterdach trommelt und alles in intensivem Grün leuchtet. Eine Taiwanerin spricht mich neugierig an und macht Fotos von mir – inklusive herrlich absurder Panoramaaufnahmen, auf denen meine Beine so riesig wirken wie die Baumstämme der Zypressen neben mir.

Auf dem Fenqi Trail entdecke ich viereckigen Bambus. Eine Rarität, die 1924 von den Japanern aus Chinas Sichuan-Provinz nach Taiwan gebracht wurde.

Entlang des Weges stoße ich auf die Ruinen eines Shinto-Schreins und den Luding Giant Tree, einen gigantischen alten Ahornbaum. Eine Gruppe Einheimischer praktiziert Tai Chi. Die Energie ist greifbar.

Flugzeuge am Nachthimmel

Um 18:45 versammle ich mich mit vielen taiwanischen und zwei westlichen Reisenden in der Hotellobby ein. Das Fenchihu Hotel bietet als einziges im Ort eine Glühwürmchen-Tour an.

Denn Fenchihu ist ein besonders bekannter Ort für dieses Naturspektakel – 60 von weltweit 2.000 Glühwürmchenarten leben in Taiwan, davon 42 in der Alishan-Region. Und Mai ist die beste Jahreszeit, um die Tierchen zu Gesicht zu bekommen. Welch ein Privileg!

Ich bin dem Fenchihu Hotel unendlich dankbar für dieses Erlebnis. Alleine wäre ich nach Sonnenuntergang sicher nicht in den Wald gegangen. Als wir die Dorfstraße hinter uns lassen, wird es stockfinster. Wir sind mitten in den Bergen und die Beleuchtung endet mit den letzten Häusern am Ortsrand. Wir gehen wie Schulkinder pärchenweise hintereinander, damit niemand verloren geht.

Ich verstehe kein Wort der chinesischen Anweisungen – aber das ist egal. Denn plötzlich sind sie da. Wie kleine Flugzeuge am Nachthimmel.

Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich Glühwürmchen sehe. Mir steigen Tränen in die Augen. Fotografieren ist unmöglich – dieses Erlebnis gehört nur dem Herzen.

Good to know: Das Leuchten der weiblichen Glühwürmchen dient der Partnersuche. Es kommt durch eine chemische Reaktion im Hinterleib der Tiere zustande, bei der Energie in Licht umgewandelt wird.

Stehplatz nach Alishan

Und als wäre all das nicht genug, hat Fenchihu noch ein letztes Highlight für mich in petto: Ich ergattere doch tatsächlich kurzfristig am Bahnhof einen Stehplatz für die berühmte Forest Railway nach Alishan.

Eigentlich hatte ich mich schon damit abgefunden, ein weiteres Uber dorthin zu bestellen. Tickets für die historische Eisenbahn sind rar, nur lange im Voraus zu bekommen und meist schon ab Chiayi ausverkauft. Und doch halte ich plötzlich eines in der Hand.

Ich bin begeistert und feiere meine spontanen Entscheidungen der letzten 24 Stunden. Manchmal ist Loslassen wirklich der Schlüssel. Alishan, mach dich bereit.

Verfasst von:

Hallo! Mein Name ist Daniela. Ich arbeite im Marketing und lebe in München. Wenn ich nicht gerade arbeite oder reise, übe ich traditionelle Kampfkunst, Yoga oder mache Wanderungen in den bayerischen Voralpen. Schön, dass du hier bist und Teil meines Weges sein möchtest.

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