Meine Freunde müssen heute arbeiten und zum ersten Mal seit meiner Ankunft in Malaysia, ziehe ich alleine los. Ich bin euphorisch. In mir veranstalten die Gefühle der Vetrautheit und Unabhängigkeit einen flotten Freudentanz miteinander. KL ist mir alles andere als fremd – aber es ist auch nicht mehr dieselbe Stadt wie in 2011.
Mein erster Anlaufpunkt: natürlich das KLCC mit seinen berühmten Petronas Twin Towers.

Doch zuerst brauche ich Kaffee. Der Automat in der Lobby meines Apartmentgebäudes sah auf den ersten Blick vielversprechend aus. Leider ist das, was er ausspuckt nicht German-approved. Die zuckrigen Instant-Mischungen, die der Coffee Bot ausspuckt, haben sicher ihre Berechtigung, entsprechen aber leider so gar nicht meiner Definition von Kaffee.
Zum Glück gibt es die mir neue Kaffeehaus-Kette Zus Coffee! Ich lande in der Filiale unweit des Taman KLCC, einer Parkanlage mit Grünflächen, Wasserpools und Aussichtsplattformen, die sich zu Füßen der Petronas Zwillingstürme ausbreitet. Mit einem soliden Becher Milchkaffee in der Hand lege ich einen kurzen Boxenstopp ein, bevor es ans Entdecken geht.
Die Erinnerungen kommen schneller wieder zurück als ich erwartet hatte. Sie sind so klar, als wäre alles erst vor ein paar Wochen passiert. Ich sehe mich bildlich an meinem ersten Wochenende in KL. Angie und ich sind nach dem Frühstük in der benachbarten Kopitiam mit dem Skytrain in die Innenstadt von KL gefahren. Mir klingen immer noch ihre eindringlichen Warnungen in den Ohren, in der Öffentlichkeit vorsichtiger mit meinen Wertgegegenständen zu sein.


Nachdem sie meine europäische Sorglosigkeit im Umgang mit Handy und Portemonnaie bemerkt hatte, wies sie mich darauf hin, dass es in Malaysia durchaus passieren kann, dass einem Handys beim Telefonieren aus der Hand gerissen werden. Oder dass Diebe auf Mopeds in food courts rasen, stehlen, was arglos auf Tischen platziert wurde und sich fix davonmachen.
Ein klarer reality check gleich zum Anfang meiner Zeit in Südostasien.
Petronas Twin Towers
Damals haben Angie und ich eine ausgedehnte Fotosession vor den Zwillingstürmen gemacht. Ich war so begeistert von dieser schönen neuen Welt: der dicken, feuchten Luft. Der tropischen Vegetation im Taman KLCC und den gigantischen Ausmaßen der Luxus-Mall im Inneren des KLCC. Als Studentin konnte ich mir nur einen Cupcake leisten – den aber mit Genuss! Ausländische Touristen sehe ich auf den alten Fotos keine und ich erinnere mich, dass ich als Deutsche ein echter Hingucker für die Leute war.






Heute sitze ich tief berührt auf einem kleinen Bänkchen zu Füßen der Türme und platze vor Emotionen. Die Euphorie von damals hat einer tiefen Demut Platz gemacht. Die Treppenstufen vor dem KLCC sind verschwunden, die Wasseranlage wurde neu gestaltet und rundum steht alles voller neuer Hochhäuser. Als offizieller Fotospot dient nun eine Brücke im Park. Vorbei die Zeiten, in denen der Fotograf sich bäuchlings auf den Boden legen musste, um Person und Türme gleichzeitg ins Bild zu bekommen!



Eines aber hat sich nicht verändert: Die 88-stöckigen Türme, stehen ungerührt und elegant wie eh und je. Auch wenn man sie schon 100 Mal gesehen hat, beeindrucken die Petronas Twin Towers doch immer wieder. Egal aus welcher Perspektive man sich durch KL bewegt, sie tauchen immer wieder auf. Eine Sehenswürdigkeit, die man nicht dediziert aufsuchen muss, da sie einfach zum Stadtbild gehört.
Good to know: Die Petronas Twin Towers wurden 1999 errichtet, sind mit 452 Metern die höchsten Zwillingstürme der Welt und symbolisieren den wirtschaftlichen Aufstieg Malaysias. Sie sind Hauptsitz der nationalen Erdöl-Firma Petronas, beherbergen zahlreiche Büros und ein luxuriöses Einkaufszentrum. In 170 Metern Höhe verbindet die skybridge beide Türme und kann zusammen mit dem observation deck auf 370 Metern besichtigt werden.
Ausverkauf in Bukit Bintang
Next stop: Bukit Bintang.
Vom KLCC laufe ich weiter in KLs wohl bekannteses Vergnügungsviertel und erlebe einen kleinen Schock: Ich erkenne es kaum wieder. Es ist absurd, wie rasant hier der touristische Ausverkauf stattgefunden hat.
Schon 2011 war die Umgebung rund um die Jalan Bukit Bintang ein Hotspot für Shopping, Essen und Nightlife, der nie zur Ruhe kam. Doch was sich hier in den letzten 10 Jahren entwickelt hat, ist abgedreht.









Klassiker für Luxus-Shopping wie das Pavilion und die Starhill Gallery wurden massiv erweitert. Internationale Luxusmarken dominieren die Szenerie. Sephora und Chanel liefern sich ein Kopf-an-Kopf Rennen darin, den Platz vor dem Haupteingang des Pavilion in eine Konsummeile mit Photo-Ops der Superlative zu verwandeln.
Die Weihnachtsdekos sind nach wie vor spektakulär. Wenigstens das hat sich nicht verändert.






Dennoch ist die Überreizung spürbar. Der Tourismus hat in den letzten Jahren enorm zugenommen. Mehr Hotels, mehr Events, mehr Besucher – aber auch mehr Überfüllung, mehr Lärm und mehr Abutzung. Ich habe ein bisschen das Gefühl, ich bin auf der Khao San Road in Bangkok. Die viel gepriesene Jalan Alor durchquere ich wesentlich schneller als geplant. Selten hatte ich so einen dringenden Wunsch eine food street wieder zu verlassen.
Es gibt Pläne, Bukit Bintang einen weiteren Glow-up durch aufwändige LED-Beleuchtungen nach dem Beispiel der Ginza in Tokyo und der Orchard Street in Singapur zu geben. Angesichts der tatächlichen Infrastruktur-Probleme der Stadt, die vor allem dann zutage treten, wenn es im Monsunregen zu Überflutungen durch das schwache Abwassersystem kommt, kann ich den Unmut der Bevölkerung angesichts dieser Pläne nur zu gut verstehen.
Nostalgie-Shopping
Dennoch zieht mich die Nostalgie in bestimmte Geschäfte. Die meisten Malls in KL habe ich 2011 aus beruflichen Gründen besucht, weil wir für Faber-Castell store checks bei Schreibwaren- und Buchläden wie Kinokuniya, Isetan oder Eslite gemacht haben. Heute besuche ich den Eslite Stationary Store im Starhill aus Spaß an der Freude. Und um mich mit unvernünftigen Mengen washi tape und bullet journal stickern einzudecken. Das leckere Buffet-Restaurant, das wir damals besucht haben, gibt es leider nicht mehr.
Neu für mich sind das Fahrenheit88, wo ich Tänzerinnen bei einer Vorführung traditioneller, malaysischer Künste applaudiere und einen netten Plausch mit einer Batik-Promoterin halte.
Im Erdgeschoss der Lot10 Mall gönne ich mir herrliche Penang-style chee cheong fun, dünne chinesische Nudeln mit Schweinefleisch, Wonton-Suppe und Milchtee. Der food court hier ist sehr empfehlenswert und ich kehre an einem anderen Tag zurück, um fantastische fishball noodles zu verkosten. Essen ist und bleibt mein Anker in diesem Land.
KL ungefiltert: Sungei Wang
Der Knaller unter den Bukti Bintang Malls ist und bleibt für mich das ikonische Sungei Wang Plaza. Seit 1977 ist die Mall eine Institution in Bukit Bintang. Übersetzt bedeutet der Name „Fluss des Goldes“ – das chinesische Erbe spürt man hier deutlich. Auf 11 Ebenen herrscht ein liebevolles Chaos aus Bekleidungsgeschäften, Elektronikläden, Optikern, Goldschmieden und kleinen Essensständen. Der Fokus liegt hier auf lokalen Händlern statt internationalen Marken.





Meine Freundin Vicky hat mich 2011 zum ersten Mal hierher gebracht und wir hatten großen Spaß dabei, farbige Kontaktlinsen auszuprobieren. Ich mag Sungei Wang, weil es nicht so elitär ist wie die anderen Malls in Bukit Bintang. Hier kann man noch nasi lemak und kuih zu lokalen Preisen von geschäftstüchtigen Frauen kaufen, die einen Marktstand am Rolltreppenaufgang bedienen. Der food court unter dem Dach hat keine Klimaanlage und der Verkäufer im 7 Eleven pfeift auf Regeln und gibt dir eine wertige Stofftragetasche für Lau zu deinem Einkauf dazu.
Frühstück bei Levain
Dann suche ich einen Ort auf, den ich ebenfalls aus 2011 in liebevoller Erinnerung habe. Einen 20-minütigen Fußmarsch vom Trubel in Bukit Bintang entfernt, liegt im ruhigen Viertel Imbi die Boulangerie Levain – eine französisch inspirierte Bäckerei und Patisserie in einem charmanten alten Bungalow, die sowohl von Locals, als auch Touristen gerne zum Brunch aufgesucht wird.






Ganz zu Beginn meines Praktikums in Malaysia organisierten Angie und eine Gruppe Kolleginen hier ein Kennenlern-Frühstück für mich. Zwischen lustigen Schokoladen-Backwaren mit Kulleraugen beshnupperten wir uns vorsichtig gegenseitig.
Heute komme ich in ein durchgestyltes und gut klimatisiertes Interior und gönne mir einen köstlichen, nicht ganz günstigen Matcha Latte. Der Trend hat es auch hierher geschafft! Ich freue mich, dass es Levain noch gibt – eine von vielen wohltuenden Konstanten.


Für den Rückweg bestelle ich ein Grab-Taxi. Der Fußweg durch die Hitze hat mich erschöpft und ich bin ganz ehrich: Ich habe bei dieser Reise Lust auf Komfort. Komfort, den mir mein heutiges Leben dankbarerweise ermöglicht. Natürlich habe ich mit 35 Jahren ein anderes Budget als mit 21. Vielmehr aber kommt mir die technologische Infrastrutur zugute, die sich in den letzten Jahren dramatisch weiterentwickelt hat.
Der Zugewinn an Freiheit ist enorm: Vorbei die Zeiten, zu denen ich ohne mobile Daten auf dem Handy, unsicher und ängstlich durch KL gestolpert bin, mich von der lokalen Taxi-Mafia habe abziehen lassen, oder vom Fahrdienst meiner Gasteltern abhängig war. Heute sind mir alle Orte zugänglich, an die ich mich damals nicht alleine herangetraut habe. Diese Souveränität fühlt sich einfach großartig an.
Was sich nicht geändert hat, ist das Verkehrschaos in KL. Für die kurze Strecke zurück nach Bukit Bintang stehen wir eine beachtliche Zeit im Stau. Eine gute Gelegenheit zum Durchatmen. Ich blicke auf die mich umgebenden Hochhaustürme und frage mich, warum wir in Deutschland nicht weiter nach oben bauen, um der Wohnungsknappheit in den Großstädten zu begegnen.
Foodie meets foodie
Gegen Abend kehre ich ins Pavilion zurück, um noch einmal die opulente Weihnachtsdeko auf mich wirken zu lassen. Da spricht mich jemand von der Seite an: „You seem to be impressed with the Christmas deco?“
So lerne ich Steven kennen, einen Weltenbummler aus Sarawak (Anm.: Das ist einer von zwei Staaten Malaysias, die sich auf der Insel Borneo befinden). Wir stellen in unserem kurzen Smalltalk schnell fest, dass wir beide Foodies sind und er lädt mich spontan auf eine Portion crispy popiah im Foodcourt der Mall ein. Bei köstlichem malaysischem Kaffee sprechen wir über Lebenswege.
Steven hat früher im Energiesektor gearbeitet und baut gerade ein Ecovillage in Sarawak auf. Er meint halb im Scherz, dass er meine Skills als ausgebildete Yoga-Lehrerin dort gut gebrauchen könnte. Sollte ich einmal das Bedürfnis haben, auszusteigen, weiß ich, wohin ich mich wenden muss!
Die Offenheit der Menschen in Malaysia sucht wirklich ihresgleichen. Egal wohin ich gehe, ich komme immer in Kontakt. Bald habe ich mehr alte und neue Freunde, als Slots in meinem begrenzten Zeitplan.
Ich führe diese bewundernswerte Unvoreingenommenheit der Malayen auf die Geschichte des Landes zurück: Chinesen, Inder, Malayen. Moslems, Buddhisten, Hindus, Christen. Schon immer lebten die unterschiedlichsten Kulturen und Weltreligionen hier Seite an Seite. Da alle Einwohner:innen des Landes verschiedene Sprachen und Dialekte sprechen, kann man davon ausgehen, dass 90% neben der Amtssprache Malaysisch auch Englisch sprechen. Der Handel und die koloniale Vergangenheit sorgten dafür, dass Fremde hier nicht argwöhnisch beäugt, sondern neugierig angesprochen werden. Wie sehr ich mir doch wünschte, nur einen Hauch dieser Einstellung in Deutschland zu finden.
Did KL change or did I?
Da ich in KL nie viel mit MRT, LRT und Monorail unterwegs war, dauert mein Weg zurück zum Condo, etwas länger als geplant. Die Straßen rund um mein Condo wirken am Abend etwas zwielicht und unsicher. Doch es bräuchte gerade wirklich viel, um mein Hochgefühl zu dämpfen.
Hat KL sich verändert, oder ich?
Wahrscheinlich beides.

14 Jahre – warum habe ich eigentlich so lange gebraucht, um zurückzukehren? In dieses wundervolle Land, das sich für mich nicht wie ein Reiseziel, sondern wie eine zweite Heimat anfühlt. Ich mache mir leichte Vorwürfe, dass Neues für mich in den letzten Jahren so viel reizvoller war, als Vertrautes.
Persönliche Reife ist ein Geschenk. Sie lässt mich erkennen, dass Reisen nicht bedeutet, immer weiterzuziehen. Es kann auch darin bestehen, zurückzukehren.
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