Tainan: Came as a stranger, left as a friend

Als mein Taxi mich in einer schmalen, schlecht beleuchteten Gasse absetzt und ich nervös vor der verschlossenen Tür des FunNan Guesthouse stehe, ahne ich noch nicht, wie mich die nächsten Tage in Tainan prägen werden. Im Moment fühle ich mich vor allem eins: fremd. Allein. Und ehrlich gesagt ein bisschen unwohl, wie ich da als Frau in einer fremden Stadt verloren in einer dunklen Gasse stehe. Es fühlt sich beinahe intrusiv an. Als würde ich in eine Nachbarschaft eindringen, in der ich nichts zu suchen habe.

Ich klingele mehrmals, bis mir endlich ein junges Mädchen öffnet. Dann werde ich erst einmal in der Lobby geparkt und warte. Lange. Erst später sehe ich, dass die gesamte Familie erst einmal seelenruhig ihr Abendessen beendete, bevor man mich als zahlenden Gast empfangen wollte. First things first?

Als wäre das nicht genug Irritation, tobt dann auch noch ein völlig unerzogener junger Hund um mich herum, der kaum zu bändigen ist: Er leckt meine Beine ab, beißt in den Handgriff meiner Wanderstöcke, versucht, zwischen meinen Beinen zu schnüffeln und läuft mir vor die Füße, sodass ich mehrmals fast auf ihn trete. Die Besitzer haben offenbar keine Ahnung von Hundeerziehung und auch kein Gespür dafür, dass nicht jeder Hunde so sehr liebt, wie sie selbst. Alles in allem kein Traum-Check-in, sagen wir es so.

Und doch spüre ich direkt: Dieses alte, liebevoll restaurierte Haus hat echte Seele. Vintage-Möbel und Antiquitäten zieren Essbereich und Lobby. Es gibt sogar einen Aufenthaltsbereich mit Tatami-Matten, niedrigen Tischen und Schiebetüren im japanischen Stil. Duschen und Toiletten befinden sich im Freien – ein besonderes Erlebnis (Mückenspray dringend empfohlen!).

Außer mir ist keine einzige weitere Gästin im Frauenschlafsaal. Ein ziemlich gutes Preis-Leistungs-Verhältnis! Ich weiß es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber viele Stunden werde ich hier in den nächsten beiden Nächte ohnehin nicht verbringen. Und das ist vielleicht auch besser so. Denn es hat seinen Grund, warum ein Päckchen Ohropax in meinem Spind bereitliegt: Die Wände des alten Gebäudes sind so dünn, dass es sich anfühlt, als schlafe ich auf der Straße. Ich höre wirklich alles: von schreienden Katzen bis zum aufheulenden Motor.

Das ist besonders herausfordernd, da sich der YongLe-Markt direkt um die Ecke befindet. Der erwacht mitten in der Nacht bereits zum Leben und liefert die Geräusche und Gerüche mit, die zum Leben in einer asiatischen Großstadt so dazu gehören. Wenn ich morgens das Haus verlasse, gehe ich an Menschen vorbei, die Lebensmittel , darunter auch intensiv riechendes rohes Fleisch auf offener Straße präparieren.

Das Guesthouse entspricht ganz dem Geist von Tainan: Altes zu bewahren und kreativ neu zu besetzen, um der Individualität einer neuen Generation Ausdruck zu verleihen. Das charmante heritage building und die einzigartige Lage inmitten einer echten taiwanischen Nachbarschaft sind genau das, was ich beim Reisen suche.

Der Preis ist wirklich unschlagbar. Zudem gibt es die Möglichkeit, mit Karte zu zahlen und eine Rechnung zu bekommen – auf meiner Taiwan-Reise eine Seltenheit. Und die Steckdosen hier sind ausnahmsweise mit dem Ladegerät meines Laptops kompatibel, dessen Akku schon seit Wochen leer ist. Unterm Strich würde ich das FunNan Guesthouse deshalb trotz Chaos Check-in weiterempfehlen.

Und noch etwas Gutes bringt meine Lobby-Warterei mit sich: Ich habe Zeit, den Aushang zu studieren, der eine Free Walking Tour bei Like It Formosa bewirbt. Für den nächsten Tag sind sogar noch Plätze frei. Ich entschließe mich spontan eine für den Vormittag und eine für den Nachmittag zu buchen. Es scheint eine Kleinigkeit. Eine flüchtige, aus der Wartezeit und dem Bedürfnis nach Führung geborene, intuitive Entscheidung – von der ich nicht ahne, dass sie meine gesamte Reise verändern wird.

Tour 1: Downtown Tainan

Der nächste Morgen startet in einem Café mit dem amüsanten Namen Donutes – ein schöner Ort zum Verweilen mit tollen Sitzgelegenheiten im ersten Stock, die ihr nicht übersehen solltet!

Taiwans Kolonialgeschichte

Die erste Free Walking Tour des Tages beginnt am Chikhan Tower aka Fort Provintia. Wir stehen vor den Überresten einer der beiden Befestigungen, die die Holländer errichtet haben, als sie Taiwan im 17. Jahrhundert kolonialisierten. Das zweite, viel bekanntere Fort Zealandia, befindet sich eine 20-minütige Autofahrt entfernt, dort wo Tainan den Ozean berührt. Es wird der Ausgangspunkt für die zweite Tour am Nachmittag sein.

Good to know: Taiwan wurde in der Vergangenheit von verschiedenen Mächten kolonialisiert. Hier ein kurzer Abriss: Die Portugiesen segelten 1517 nur kurz vorbei und gaben der Insel den Namen „ilha formosa“ („schöne Insel“).

Die Holländer landeten 1624 mit ernsthaften Kolonialisierungsabsichten. Der chinesische Exil-General Koxinga vertrieb sie 1662 und brachte Taiwan unter die Herrschaft der Ming-Dynastie, indem er das Königreich Tungning errichtete. Der Schauplatz dieses Geschehens und Mittelpunkt des neuen Königreichs war Tainan, weshalb dort das Epizentrum für alle ist, die in Taiwans bewegte Geschichte eintauchen möchten.

Die Ming wurde 1683 von der Qing-Dynastie abgelöst und Taiwan ins chinesische Kaiserreich eingegliedert. Als Folge des ersten Japanisch-Chinesischen Kriegs musste China die Insel 1895 an Japan abtreten, der Beginn einer 50-jährigen Kolonialzeit unter japanischer Herrschaft. mit Licht und Schattenseiten. Zwar wurde die indigene Bevölkerung stark unterdrückt und Taiwan wirtschaftlich ausgebeutet. Doch die Japaner brachten dem Land auch eine Modernisierung, von der es bis heute profitiert.

Nach seiner Niederlage im zweiten Weltkrieg musste Japan Taiwan zurück an China übergeben. Als Folge des Bürgerkriegs in China flüchtete sich die Kuomintang-Regierung unter Chiang Kai-Shek nach ihrer Niederlage gegen die Kommunisten nach Taiwan und rief die Republic of China aus. Der Konflikt zwischen der Eigenständigkeit als solche und den Besitzanspüchen der POC besteht bis heute fort.

Spirituelle Schätze

Im Grand Mazu Tempel kann ich mich an den vielen Details der Tempelarchitektur nicht satt sehen. Es wird deutlich: Hier schlägt das spirituelle Herz Tainans. Das prunkvolle Dekor wird durch die Spenden vieler regelmäßiger Besucher:innen finanziert. Unser studentischer Guide erzählt uns begeistert von den verschiedenen Drachenmotiven im Tempel und vom tragischen Tod des Ming-Prinzen Ningjing, der sich mit seinen fünf Konkubinen im Tempelgebälk erhängte, als die Qing eintrafen.

Grand Matsu Temple Tainan

Der Tempel des Kriegsgottes zählt zu den ältesten der Stadt. Ich bestaune die 360 noppenartigen Türverzierungen, die Schutz für jeden einzelnen Tag des Jahres symbolisieren. Wie in Taiwan üblich werden in diesem Tempel mehrere Gottheiten verehrt: Neben dem Kriegsgott finden sich kleinere Schreine für Yue Lao, den Gott der Ehe, und fünf Gottheiten der Literatur. Ein one-stop-shop für alle Lebensbereiche, die göttliche Nachhilfe brauchen.

Bevor es weitergeht, stoßen wir mit einem süßen Getränk aus weißem Kürbis auf Tainans bewegte Geschichte an. Tainan ist für die Vorliebe zu extrem süßen Lebensmitteln berüchtigt. Ich versuche etwas Schadensbegrenzung zu betreiben und bestelle eine Variante mit weniger Zucker, dafür einem Spritzer Zitronensaft. Es schmeckt, hat aber das potenzial Diabetiker ins afterlife zu befördern.

Retro shopping

Danach führt uns die Tour in den ikonischen Hayashi Department Store. Das Wahrzeichen Tainans wurde 1932 von den Japanern erbaut und war zur Zeit der Eröffnung mit seinen fünf Stockwerken das höchste Gebäude der Stadt und das erste Warenhaus in Südtaiwan mit einem Aufzug. Der ist auch heute noch in Betrieb, darf allerdings nur von 5 Personen gleichzeitig betreten werden, sodass unser Guide dehmütig die Treppen in den sechsen Stock nimmt.

Hinsichtlich Superlative lieferte sich das Hayashi ein erbittertes Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Kikumoto Department Store in Taipei. Im Vergleich zu seinem Rivalen steht das Hayashi heute noch. Die populäre Meinung ist, dass der japanischer Shinto-Schrein auf dem Gebäudedach es über die Jahrzehnte vor Umweltkatstrophen geschützt hat.

Wir lassen uns eine Weile von den tollen Produkten im Hayashi umgarnen und geniesen die klimatisierte Luft, bevor es wieder in den Backofen hinausgeht, in den sich Tainan zur Mittagszeit verwandelt. Wir passieren ein bezauberndes Retro-Kino und bestaunen eine gegenüberliegende Werkstatt, in der Filmplakate noch von Hand gemalt werden.

Handgemalte Filmplakate

Good to know: Der Regisseur Ang Lee, von dem Filme wie Brokeback Mountain, Life of Pi oder Tiger and Dragon stammen, ist Taiwaner. Er wurde er als erster asiatisch-stämmiger Regisseur mit dem Oscar ausgezeichnet.

Tainan is all about the small alleys

An diesem Spruch kommt ihr nicht vorbei, wenn ihr Tainan besucht. Und er ist wahr: Die Magie der Stadt entdeckt ihr erst so richtig, wen ihr in das engmaschige Netz versteckter Gassen eintaucht, die sich wie Lebensadern durch Tainans Haut ziehen.

Eine sehr touristische und nicht gerade versteckte Variante einer kleinen Gasse ist die hinter dem Narrow Door Café. Sie führt in einen Hinterhof mit stimmungsvollem Tempel und über einen Loop zurück zur Hauptstraße. Dann steht ihr eigentlich bereits vor Tainan’s Konfuzius Tempel, der zwar Tempel heißt, tatsächlich aber eine Schule ist.

Good to know: Ausländische Besucher:innen verwechseln den chinesischen Gelehrten Konfuzius oft mit einer Gottheit. Das ist nicht ganz richtig. Konfuzius war Philiosoph, Lehrer und Politiker. In einem Konfuzius-Tempel findet ihr keine Altare oder Götterstatuen, da keine Abbildung der Größe des Konfuzius gerecht wird. Die Ehrerweisung erfolgt in Form von Stelen, auf denen wissenschaftliche Leistungen von Konfuzius-Schülern inskribiert sind.

Wer früher nicht vom Pferd abstieg, um das Gelände durch das gate of right und die road of righteousness zu betreten, wurde mit dem Tod bestraft. Auch für Kaiser gab es keine Ausnahmen. Die Tatsache, dass heute Autos durch Teile des ehemaligen Tempelgeländes fahren, kommt streng genommen einem Sakrileg gleich.

Krabben-Curry Gönnung

Wir schließen die Tour am National Museum of Taiwan Literature und die sengende Mittagshitze sorgt dafür, dass wir zügig unserer Wege gehen. Ich flüchte mich ins Musa Thai Cuisine und gönne mir ein leckeres gelbes Curry mit frittierter Krabbe. Das Restaurant ist exklusiv, für mich aber die Rettung vor Hitze und Hunger und damit jeden TWD wert.

Tour 2: Oldtown Tainan

Am Nachmittag geht es weiter mit einer Tour durch Tainan’s Altstadt. Der Startpunkt ist Fort Zealandia, auch Anping Fort genannt. Google Maps verrät, dass mich eine Stunde Fußweg – no way! – und eine halbe Stunde Fahrradweg – also no way! – von meinem Ziel trennen. Die Motivation, mich mit den Öffentlichen durchzukämpfen, hat nach der anstrengenden ersten Tageshälfte meinen Körper verlassen.

Also stelle ich mich dem Widerstand, der sich jedes Mal wie ein Türsteher in mir aufbaut, wenn es darum geht, ein Taxi heranzuwinken. Ergeben positioniere ich mich in sengender Mittagshitze an der Hauptstraße. Nach ein paar unbeholfenen Fehlversuchen, gelingt es mir und ich bin mächtig stolz auf mich.

Für 200 TKD werde ich gemütlich und ohne eine weitere Schweißperle zum Fort transportiert. Die kurze Wartezeit vor Tourbeginn verbringe ich bei gutem Kaffe, ansprechendem Interior und äußerst freundlicher Bedienung im STAY Coffee.

Dann flaniere ich zum Haupteingang von Anping Fort. Auf dem Weg dorthin kommt mir ein europäisch aussehender Mann entgegen. Er gewinnt spontan meine Sympathie, weil er sich im Gehen mit großem Genuss ein Softeis schmecken lässt.

Und wie es der Zufall will, sehen wir uns nur 10 Minuten später wieder – am Treffpunkt der free walking tour! Noch ein Zufall: Beni, so sein Name, kommt auch aus Deutschland! Er arbeitet als Ingenieur für einen Automobilhersteller in Norddeutschland. Die Welt ist klein – und uns Deutsche findet man in jedem ihrer Winkel!

Unsere tour guide ist die bezaubernde Emily aus Tainan. Sie hat mehrere Jahre im Export gearbeitet und in den USA gelebt – ihr Englisch ist fantastisch! Diese Kenntnisse gibt sie als Nachhilfelehrerin weiter und verdient sich mit den Stadtführungen etwas dazu. Emily sagt von sich selbst, dass ihr Geschichte eigentlich gar nicht liegt. Im Storytelling ist sie allerdings begnadet und das macht sie zur herausragenden Guide. Neben der gründlichen Schulung durch die tour company, hat sie Geschichten der Menschen, die in Tainans Altstadt leben, aufgespürt und in ihre Führungen eingebaut. Ein Schatz, den kein Geschichtsbuch dieser Welt ersetzen kann.

Teil unserer Gruppe ist auch Jen aus Taipei, die eine Zeit lang als Konditorin in Kanada gearbeitet hat und jetzt ebenfalls Sprachlehrerin ist, während sie ihre nächsten beruflichen Schritte plant. Etwas später (im Sinne von zu spät) stoßen noch zwei mit Matcha Latte und Instagram-tauglichen Outfits gewappnete Britinnen dazu. Sie fallen von Anfang an etwas aus unserer Gruppe heraus.

Abgesehen davon zeigt sich schnell: Der Vibe ist ein besonderer. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass die Teilnahme an dieser Tour eine der besten Entscheidungen meines Reiselebens war. Ich bekomme so viel mehr als nur eine Stadtführung und ahne zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie viele Stunden ich mit meinem neu-gefundenen Deutsch-Taiwanischen Squad verbringen werde.

Natürlich besichtigen wir erst einmal die klassischen Sehenswürdigkeiten in Tainan’s Oldtown.

Anping Fort

Wir erkunden die alten Mauern des Forts aus der holländischen Kolonialzeit mit allen Sinnen. Emily fordert uns auf, die aus Sand, Muschelschalen, Reis und Zucker hergestellte Zementmischung der Anlage zu erfühlen – und sogar zu erschmecken!

Good to know: Nach einem Jahr erfolgloser Belagerung des Forts durch die Truppen des Ming-Generals Koxinga ist es ausgerechnet ein betrunkender deutscher Söldner, der den entscheidenden Tipp zur Eroberung liefert: Er verrät den Besatzern, dass das Fort auf der Landseite ungeschützt ist. Statt weiter Ressourcen beim Angriff der stark befestigten Seeseite zu verschwenden, gelingt Koxinga die Einnahme auf dem Landweg in nur drei Monaten.

Chicken Poop God

In diesem Tempel machen wir die kuriose Bekanntschaft eines lokalen Helden, der aufgrund seiner Verdienste für die Gemeinde post mortem in den Götterstatus erhoben wurde. Zu Lebzeiten war der gute Mann Kettenraucher. Deshalb zünden die Einheimischen ihm zu Ehren auch heute noch täglich eine Zigarette als Opfergabe an.

Ein paar Schritte entfernt vom Tempel betrachten wir seine luxuriöse Privatresidenz: Wang-ji shi Mansion lässt nicht vermuten, dass Tainans ikonischer smoking god in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und erst durch den Salzhandel zum lokalen Tycoon aufgestiegen ist.

Good to know: Um ihren Sohn vor der Aufmerksamkeit böser Geister zu beschützen, gaben seine Eltern ihm den unschmeichelhaften Namen ji shi – was übersetzt chicken poop heißt.

Schwertlöwen

Dann tauchen wir tief in Tainan’s Altstadtgassen ein. Der rote Faden unserer Tour sind die einzigartigen sword lions. Die Löwenfiguren unterschiedlicher Ausprägung zieren seit jeher die Hauseingänge der Einwohner:innen.

Ursprünglich etabliert wurden sie von Kriegern, die zur Abschreckung von Einbrechern wilde Löwenmasken mit Schwert in der Schnauze an ihren Hauseingängen platzierten. Um sich zu schützen, fingen auch normale Menschen ohne militärischen Hintergrund an, das Symbol an ihren Türen anzubringen.

Wir entdecken viele unterschiedliche Arten von Schwertlöwen: Ein wiederkehrendes Motiv ist ein Löwe mit gekreuzten Schwertern vor der Schnauze, der symbolisiert: ready to attack. Eine kuriose Variante ist ein Löwe, der Liegestütze macht – der push-up lion. Er bewacht den Eingang der Haishan Hall, einer Versammlungshalle für Soldaten aus der Qing-Dynastie.

Unvergesslich ist für mich der älteste Schwertlöwe der Stadt. Er befindet sich im Hinterhof einer 90-jährigen Frau. Durch gute Beziehungen ist es Emily erlaubt, ihre Gruppen dorthin zu führen. Das Stadtbild um den Löwen hat sich über die Jahrhunderte verändert. Was ehemals ein Hauseingang war, ist heute von allen Seiten zugebaut. Ich zwänge mich seitlich in einen schmalen Spalt zwischen zwei Hauswänden und richte den Blick nach oben. Da ist er, direkt über mir. Abschreckend, furchteinflößend und unendlich berührend.

Offene Türen

Emily kennt Menschen und Orte in Tainan, die kein Geld von der Regierung bekommen, um ihre kulturellen Schätze der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wir können unser Glück kaum fassen, als uns ein alter Mann regelrecht hinterherläuft und ruft, um unsere Aufmerksamkeit zu erregen.

Er möchte unbedingt, dass wir in sein Haus kommen, um die 300-Jahre alten Ahnentafeln seiner Familie zu begutachten. Ein Geschenk des Zufalls, das in Geld nicht aufzuwiegen ist. Auch Emily ist sehr berührt: Es ist das erste Mal, dass dieser Mann eine ihrer Gruppen in sein Haus einlädt. Spätestens jetzt ist uns allen klar: Unsere Gruppe ist etwas Besonderes und wir ziehen das Glück von allen Seiten an.

Oldtown alleys

Auf unserem weiteren Weg durch die Altstadtgassen erfahren wir eine Fülle spannender Details:

  • Tainan hat einen Broadway. Wie auch der berühmte Broadway in New York wurde dieser von den Holländern errichtet.
  • Sargförmige Dächer und Kürbis-Verzierungen kennzeichnen die Hauseingänge reicher Kaufleute.
  • Hohle Tonfiguren auf den Hausdächern, erzeugen einen Klang, wenn der Nordwest-Monsun durch sie hindurchpfeift: Ein Signal für die Fischer Tainans, dass eine Zeit üppiger Fänge bevorsteht.
  • In der rouge lane blühen rote Blumen, die sich gegen 16.00 öffnen und den Frauen aus der Nachbarschaft signalisieren: Es ist Zeit, das Abendessen für eure Männer vorzubereiten.
  • Die jasmine lane hingegen ist mit wohlriechendem Jasmin bepflanzt, um die üblen Gerüche des historischen Stadtviertels zu übertünchen.
  • Während sich Durchschnittbürger ihren Wohnraum mit bis zu 20 Menschen teilten, gibt es ein Haus, das ein reicher Tainaner ganz für sich allein beanspruchte. Man munkelt, dass sich darin eine große Kollektion von Schwertlöwen befindet, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Das Reiningungspersonal hat sie wohl zu Gesicht bekommen und die Kunde über das abgeschottete Grundstück hinaus in die Community getragen.
Monsun-Melder aus Ton

Drachenbootrennen

Am Ende unseres mehrstündigen Rundgangs stehen wir vor einem kunterbunten mural. Abgebildet ist ein kirin, ein fabelhaftes Wesen aus Fisch, Pferd und Drachen. Es blickt nach hinten und ist eine symbolische Erinnerung daran, niemals zu vergessen, woher man gekommen ist. Daneben ist ein gigantisches Boot abgebildet – eine Hommage an die Drachenbootrennen, die im chinesischen Kulturkreis Tradition haben und sich auch in Taiwan einer riesigen Fangemeinde erfreuen.

Good to know: Drachenbootrennen in Taiwan sind Teil des traditionellen Drachenbootfests, das im Juni gefeiert wird. Es geht auf die alte Legende um den Dichter Qu Yuan zurück, der in einem Fluss ertrank und zu dessen Gedenken Menschen von verzierten Booten aus Reis ins Wasser warfen. Heute treten in Städten wie Tainan Teams in langen Drachenbooten mit Trommler und Steuermann gegeneinander an und messen sich im Synchronpaddeln.

Und wieder haben wir großes Glück: Das jähliche Drachenbootfestival steht kurz bevor. Als wir im Hafen ankommen, um dort den Sonnenuntergang zu sehen, trainiert dort gerade eine Mannschaft für das Rennen.

Zwei Deutsche, eine Taiwanerin, eine Mission

Die Tour ist zu Ende. Die beiden Matcha-Latte-Girls verabschieden sich geschwind. Doch vom Rest unserer Gruppe, macht keine:r so richtig Anstalten zu gehen. Wir mögen uns und wollen die gemeinsame Zeit verlängern, statt einzeln in unsere Hostel-Dorms zurückzupilgern. Wir fassen kurzerhand zwei Beschlüsse:

Jen, Beni und ich schnappen uns ein Uber, um den beliebtesten Nachtmarkt der Stadt, den Garden Night Market, unsicher zu machen. Und: wir verabreden uns mit Emily für den nächsten Morgen zu einer weiteren Stadtführung durch das moderne Zentrum von Tainan.

Warum Tainan auch als „Taiwan’s food capital“ bezeichnet wird, zeigen die nächsten Stunden eindrücklich. Mit Jen haben wir eine waschechte Taiwanerin an der Seite und bekommen die volle Nachtmarkt-Experience. Die Frau hat eine Mission: Sie möchte uns zwei Deutschen heute Abend zeigen, was einen echten taiwanischen Nachtmarkt ausmacht.

Dabei ist es essentiell mit Plan vorzugehen. Speisen zu teilen, um möglichst viele verschiedene probieren zu können. Und zwischendurch immer wieder über das weitläufige Gelände zu flanieren, um Raum für mehr zu schaffen. Unter Jens kulinarischer Führung landet eine unverschämte Vielfalt taiwanischer Delikatessen in unseren Mägen:

  • ein Austern-Omelette
  • gegrillter Tintenfisch mit Zitrone, Pfeffer und einer riesen Ladung roher Zwiebeln, die Beni versehentlich dazu bestellt
  • ein taiwanisches hotdog, bestehend aus einer Klebereishülle mit gegrillter Wurst, Gurke, Basilikum und weiteren Toppings .
  • die berühmten taiwanischen dumplings xiao long bao
  • ein köstlich-reichhaltiger Mango-Smoothie
  • ein gigantischer gegrillter Fisch
  • ein mickriger, kleiner Fisch am Stiel als Resultat einer weiteren Fehlbestellung

Wir lachen, essen, machen Fotos. Spazieren und shoppen Handyhüllen im Hardware-Teil des Marktes. Dann schnappen wir uns Youbikes und radeln nachts gemeinsam durch die warme Luft zurück ins Stadtzentrum.

Unsere Unterkünfte befinden sich alle in der Nähe zueinander. Jen ist so lieb und läuft noch ein paar Schritte mit mir zu meiner Hostel-Tür, damit ich bei Nacht nicht alleine durch die fiese Gasse muss.

Beseelt vom Gefühl der spontanen Verbundenheit zu diesen wunderbaren Solo-Reisenden am anderen Ende der Welt, sinke ich in den Schlaf. Begleitet von der Vorfreude auf einen weiteren mit Abenteuern gespickten Tag in dieser sagenhaften Stadt.

Verfasst von:

Hallo! Mein Name ist Daniela. Ich arbeite im Marketing und lebe in München. Wenn ich nicht gerade arbeite oder reise, übe ich traditionelle Kampfkunst, Yoga oder mache Wanderungen in den bayerischen Voralpen. Schön, dass du hier bist und Teil meines Weges sein möchtest.

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