Als ich morgens durch das geschäftige Tainan zu unserem Treffpunkt laufe, denke ich noch, dass wir von Emily eine weitere exzellente Stadtführung nach dem Muster von Like It Formosa bekommen: Wir verbingen ein paar Stunden mit der Erkundung historischer Sehenswürdigkeiten und am Ende zahlen wir unserer Guide einen angemessenen Preis für ihre Aufwände.
Als Stunde um Stunde vergeht, dämmert uns: Das hier ist keine bezahlte Dienstleistung. Es ist Emily’s freier Tag, den sie mit uns verbringt. Egal wie vermeintlich charmant wir es anstellen, sie weigert sich strikt, Trinkgeld von uns anzunehmen. Aus Stadtführung wird Freundschaft – wir stehen ziemlich lange auf der Leitung, bis wir das realisieren und uns entspannt auf den Flow dieses magischen Tages einlassen.
Fort Provintia
Der heutige Tag beginnt am selben Ort wie der gestrige: Fort Provintia. Genauer gesagt, am Turm des Forts, der von den Locals chihkhan tower genannt wird. Beni und ich verstehen zuerst nicht, dass es sich um ein chinesisches Wort handelt und denken die ganze Zeit, dass Emily von einem chicken tower spricht.
Teile des Forts werden gerade renoviert und sind mit einer Plane abgedeckt, auf der zwei große Fische zu sehen sind: Ein großer, der für die Holländer steht und ein kleiner, der Koxinga dastellt. Mich amüsiert, dass es sich bei beiden Fischen, um die lokale Delikatesse milkfish handeln soll. Da sind wir also wieder beim Essen!
Good to know: Die traditionelle Begrüßung in Taiwan lautet übersetzt: „Hast du schon gegessen?“ Und darauf wird stets eine ehrliche und ausführliche Antwort erwartet.
Auch Koxingas Pferd wurde in Form einer Statue verewigt und auf seinem Grab platziert. Als seine letzte Ruhestätte verlegt und das Pferd auf dem Grab eines niedrigeren Generals platziert wurde, war es so zornig. dass sein Geist nachts wütete, tobte und die Ernte der Bauern in der Umgebung vernichtete. Die Bauern schnitten ihm deshalb kurzerhand die Beine ab und das nächtliche Treiben kam zur Ruhe.



Im Inneren des Turms gibt es einen Tempel, der dem Gott der Literatur gewidmet ist. Ich würfele mit moon blocks, um mir einen Stift als Andenken und Symbol für schriftstellerischen Erfolg zu erbitten, doch der Gott sagt nein. Das kann Emily so nicht stehen lassen. Sie greift kurzerhand selbst zu den Blöcken und here we go: Der Stift ist mein. Wahrscheinlich hab ich mich mit meinem deutschen Akzent nicht klar genug ausgedrückt.
Lose, Orakel und Talismane
In Tainan gibt es über 1.600 Tempel. Zu den beeindruckendsten gehören sicher der Grand Matsu und God of War Tempel. Ich habe beide zwar am Vortag schon gesehen, doch mein Erlebnis heute ist ein ganz anderes.
Emily hilft uns, die Rituale zu performen, für die auch die Einheimischen hierher kommen: Wir ziehen Losstäbchen mit einer Nummer und nehmen dazugehörige Zettel aus kleinen Kästchen an der Wand. In einem Buch lesen wir mit Übersetzungshilfe von Emily die komplexen Intepretationen des Orakels nach. Das Fazit ist erfrischend simpel: Meine Zukunftsprognose ist solide.






Um dem Glück dennoch auf die Sprünge zu helfen, gestalten wir einen persönlichen Talisman.
- Schritt 1: Auswählen, in welchem Lebensbereich göttliche Unterstützung benötigt wird.
- Schritt 2: Zugehörigen Stempel auf Papier drücken, falten und in eine Schutzhülle stecken.
- Schritt 3: Talisman im Schrein der verantwortlichen Gottheit aktivieren. Mit kreisenden Bewegungen halten wir sie über den aufsteigenden Rauch, der unsere Wünsche zu den Göttern trägt.
- Schritt 4: Ab damit in den Geldbeutel und immer mitführen!
Beni und ich wählen zwei völlig unterschiedliche Themen – welche, wird selbstverständlich nicht verraten. Es soll ja in Erfüllung gehen! Spoiler: Ich schreibe diesen Artikel 7 Monate später und mein Wunsch hat sich tatsächlich manifestiert.
Tee mit einer Wahrsagerin
Nach so viel spiritueller Kost brauchen wir eine Stärkung für unsere physische Hülle. In einem kleinen, traditionellen Laden verkosten wir Tainans beliebten melon gourd drink. Beni nimmt sich die süße Grundzutat dafür direkt mit nach Hause. Wir schätzen gemeinsam das Potenzial ab, einen Laden in Deutschland zu eröffnen, der dieses Getränk anbietet. Eine Geschäftsidee nimmt Form an.



Ein echter pinch me moment passiert direkt danach: Eine Wahrsagerin, die ihren Laden neben dem Matsu Tempel hat, begrüßt uns und lädt uns spontan auf eine Tasse Tee ein. Durch Emily erfahren wir, dass die Lady gerade frischen Tee für ihre Familie gemacht und genug über hat, um ihn mit uns zu teilen. Unvergesslich!

Camera eats first!
Es ist Mittag. Die Mägen knurren. Zeit für eine weitere kulinarische Rundreise durch Tainan’s Vielfalt. Die Chicken Tower Group nimmt Kurs auf die YongLe Market Street.
Wir starten hier mit einem merkwürdig aussehenden aber köstlichen Reispudding, der mit Shrimps und Schweinefleisch verfeinert ist. Dazu gibt es eine süßlichen Suppe mit zarten Fischbällchen.
Danach verkosten wir Aal- und Tintenfischnudeln bei einer Lady, die dafür berühmt ist, beim Kochen zu tanzen. Das Bild ist herzergreifend: Sie schwingt die Hüften zum Takt des Woks, während ihre Mitarbeiter kaum hinterher kommen, die fertigen Gerichte an die Tische der Gäste zu verteilen.





Dann nehmen wir uns einen Guaven-Kaffee von Super Ray auf die Hand und spazieren durch den ersten Stock eines Marktgebäudes, das sich die lokale Community erobert hat. Nicht nur haben die Menschen dort eine Subkultur mit Barber-Shops, Antiquitätenläden und liebevollen kleinen Vintage Cafés eröffnet. Nein, sie wohnen sogar hier.
Markt mit Subkultur
Wir tauchen ein in die Parallelwelt über dem YongLe Markt und lassen uns lange Zeit einfach nur treiben, werfen neugierige Blicke durch Schaufenster, treten hier und da ein.
In einem besonders süßen Café mit atemberaubenden Retro-Interieur gönnen wir uns eine Pause. Neben specialty coffee und Tee landet auch ein Taiwan-style Mega-Macaron auf unserem Tisch. Der hippe, junge Inhaber besteht stolz darauf Taiwanisch zu sprechen, als Emily ihn auf Mandarin adressiert.



Beni und ich gehen im Laufe des Tages dazu über, Mahlzeiten, Snacks und Getränke zu zahlen, um Emily und auch Jen etwas dafür zurückzugeben, dass sie uns Berührpunkte mit dem Leben in Tainan ermöglichen, die keinem Touristen zugänglich sind. Es gelingt uns nur mit großer Hartnäckigkeit.
Shennong Street
Die Shennong Street ist eine historische Straße im Fünf-Kanäle-Bezirk von Tainans Altstadt. Früher wurden Waren, die auf dem Seeweg ankamen, über die Kanäle und das anknüpfende Straßennetz weiter transportiert. Shennong ist ein chinesischer Gott, der für die Landwirtschaft steht – ein trefflicher Name für diesen vom Handel geprägten Bezirk. Heute tummeln sich in den historischen Shophouses aus der Qing-Dynastie und japanischen Kolonialzeit zahlreiche Kreativläden.






Wir kommen zu einem spannenden Zeitpunkt: In den nächsten Tagen hat der Medizingott Geburtstag, dem am Ende der Shennong Street ein Tempel gewidmet ist. Bereits heute stapeln sich dort kunstvolle Opfergaben und Bündel von fake money.
Als wir später am Abend zurückkehren, werden wir Zeug:innen eines mehrtägigen Rituals: Es wird getrommelt und gechantet. Kinder tanzen und freuen sich sichtlich darüber, dass sie wegen der Feierlichkeiten noch spät auf der Straße sein dürfen.
Noch mehr kleine Gassen
Nach solche unverfälschten Einblicken in das Leben der Anwohner:innen der Shennong Street, führt uns Emily an bekanntere Sightsseing Spots wie die Snail Alley. Hier ist der Name Programm Alles ist mit süßen Schneckenmotiven dekoriert. Warum Schnecken? Als Symbol für Gelassenheit sollen sie das bewusste, langsame Leben in Tainans Gassenlabyrinth widerspiegeln.





In der Alley reiht sich ein Dessertladen an den nächsten. Die Auslagen lassen uns das Wasser im Mund zusammenlaufen. Das Viertel ist hip, künstlerisch und steckt laut Emily voller airbnbs, mit denen sich mehr und mehr junge Leute ihren Lebensunterhalt verdienen.
Wir spazieren weiter durch einen Textilmarkt, der nun wieder völlig abseits jeglicher Touristenpfade liegt. Hier werden Stoffe gehandelt, Kleidung maßangefertigt und repariert. Jen schließt irgendwann mit einem gigantischen Windbeutel in der Hand und einem noch größeren Lächeln wieder zu uns auf. Die Zeit bis zum Abendessen will schließlich überbrückt werden!
Wünsch dir was
Tainans Gassen spucken uns beim Hayashi Department Store wieder aus. Wir fahren mit dem historischen Aufzug, suchen nach Postkarten mit Schwarz-Weiß Motiv für Beni’s monochrome Fotowand und machen eine Fotosession auf dem Dach des Kaufhauses – samt Shinto-Schrein, Sonnenuntergang und freundlicher Schelte des Personals, das man auf den kleinen Hockern im Außenbereich eigentlich nicht stehen darf.






Wir quetschen uns durch die narrow door alley und verweilen am dahinterliegenden Tempel, der nach Einbruch der Dunkelheit noch mystischer wirkt. Ich komme an dieselben Orte, die ich mit der Tour von Emilys Kollegen am Vortag schon besucht habe. Doch durch die Menschen, mit denen ich unterwegs bin, ist heute alles tiefer, bedeutungsvoller und magischer.






Emily führt uns zu einem make-a-wish-store, der von oben bis unten mit Glücksbringern und Talismanen vollgepackt ist. Es gibt kein Personal. Man nimmt sich, was man gerne hätte und steckt das Geld dafür in eine Box. Wer würde schon den Zorn einer höheren Macht auf sich ziehen wollen, indem er in einem make-a-wish-store klaut?
Seafood Sensation
All die lokalen Speisen, die wir in den letzten 24 Stunden verkostet haben, waren nur eine Aufwärmübung für das bevorstehende Festmahl in einem typisch taiwanischen Meeresfrüchte-Restaurant. Warum wir auf dem Weg dorthin noch eine süß-sämige Papaya-Milch schlürfen? Noone knows.
Im Restaurant treffen wir auf Mike, der eine berufliche Orientierungsphase als Tourguide bei Like It Formosa überbrückt und seinen heutigen Gast, Jamie, der Wurzeln in Malaysia und Schottland hat. Auch mit diesen beiden stimmt die Chemie sofort und wir gehen in den Austausch. Der runde Tisch, um den wir alle herum sitzen, ist dafür ideal geeignet.







Ein nicht enden wollender Strom an Speisen findet seinen weg auf die Drehscheibe: Gegarter Bambus mit Mayo, gegrillter Oktopus, Venusmuscheln, Schnecken, ein ganzer Fisch, gebratener Knoblauchreis mit Garnelen, Wasserspinat, frittierte Kalamari, Wurst, Schweinefleisch und noch mehr Fisch. Ich traue meinen Augen nicht, als ich die Rechnung sehe: 700 TWD – keine 20 Euro pro Person. Könnt ihr euch das vorstellen?
Mitternachtssnack im Früchteladen
In Tainan essen Nachtschwärmer keinen Döner, sonder shaved ice. Deshalb laufen wir zum krönenden Tagesabschluss den Yu Cheng Fruit Store an. Das shaved ice dort toppt wirklich alle Desserts, die ich auf meinen bisherigen Asien-Reisen verkostet habe.
Der Laden ist beliebt und nachts herrscht Hochkonjunktur. Wir müssen Schlange stehen und subtilen Druck auf zu lange sitzende Gäste ausüben, indem wir uns demonstrativ neben ihre Tische stellen – die taiwanische-höfliche Art, sich Platz in vollen Restaurants zu verschaffen. Zur Belohnung fliegen wenig später zwei gigantische Kübel shaved ice auf unseren Tisch: einer mit Mango und einer mit Obstsalat.


Ich weiß genau, was ihr denkt: Das alles hört sich stark nach einem Fresskoma an. Let me tell you: Dadurch, dass wir alles zu sechst teilen und von jedem der Gerichte nur etwas probieren, hält sich die Völle wirklich im Rahmen. Ihr glaubt es nicht, aber ich habe auf meiner Taiwan-Reise sogar Gewicht verloren. Viel Bewegung und das Vermeiden von zu viel Zucker und Frittiertem sind hier – wie überall – der Schlüssel.
Nachtschwärmen in Tainan
Wir haben Spaß. Ziehen noch einmal durch die Shennong Street. Reden über Gott und die Welt. Über die Suche nach Identität und einem Ziel im Leben. Den Wunsch nach Freiheit und Selbstverwirklichung.
Und die vielen kulturellen Besonderheiten, die Emily und Mike auf ihren vielen Führungen beobachten können. Beni und ich können stolz sein: Wir Deutsche haben den Ruf, kulturell interessiert und beim Trinkgeld großzügig zu sein.
Irgendwann ist es Mitternacht. Niemand will den Tag enden lassen. Doch die Müdigkeit greift mit langen Fingern nach uns und es ist Zeit, sich zu verabschieden. Morgen führen unsere Wege uns weiter an unterschiedliche Orte in Taiwan.
Emily hat zum Abschied Geschenke für uns alle vorbereitet: Einen Kühlschrankmagneten, eine Postkarte mit den touristschen Highlights von Tainan und Leckereien, die meine Zugfahrt nach Chiayi am nächsten Morgen leider nicht überleben werden.
Für Emily, Beni und mich ist der Abschied an diesem Abend vorerst entgültig. Mit Jen wird es für mich noch ein glückliches Wiedersehen in Taipei geben, bevor ich zurück nach Deutschland fliege.

Was bleibt?
Als ich am nächsten Morgen an der Bushaltestelle vor meinem Guesthouse sitze und auf das Uber zum Bahnhof warte, fühle ich mich verkatert, obwohl ich seit Jahren keinen Alkohol trinke.
Vier Menschen. Vier Geschichten. Vier Perspektiven. Vermutlich fühlten wir uns alle ein wenig verloren im Leben, als sich unsere Wege in Tainan kreuzten. Und das ist okay. Wir sind alle Suchende nach Sinn und Selbstverwirklichung.
Gefunden haben wir das seltene Geschenk echter Verbindung. Die letzten 48 Stunden waren eine der schönsten und nachhaltig prägendsten meines Lebens. Ich habe in dieser kurzen Zeit so viel gesehen, empfangen und gelernt. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich all das wirklich verstanden habe.
Ich sitze im Zug nach Chiayi und mein Herz bricht ein bisschen. Ich möchte die Verbindung nicht loslassen, weiter Teil dieser Gemeinschaft sein. Mit jedem Meter Schiene wächst der Abstand zwischen mir und den liebgewonnen Menschen in Tainan. So ist das Leben. Meine Reise geht weiter. Neue Abenteuer warten.
Und zum Glück haben wir große Pläne: Ich habe das Versprechen dagelassen im Jahr des Pferdes, meines chinesischen Tierkreiszeichens, nach Taiwan zurückzukehren. Und wir müssen dringend an unseren Ruder-Skills arbeiten, um mit der Chicken Tower Group als Mannschaft für das Drachenbootrennen an den Start zu gehen!

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