Next stop: Taitung! Die 103.000 Einwohner-Stadt liegt an der südöstlichen Küste Taiwans, zwischen dem massiven Zentralgebirge im Westen und dem Pazifischen Ozean im Osten. Die Zeichen stehen hier nicht auf Aufmerksamkeit, sondern auf Durchatmen. Das Umland ist geprägt von üppigen Landschaften, Bergen und einer langen Küstenlinie, die wir auf diesem Blog gemeinsam erkunden.

Für Reisende ist Taitung eine gute Basis, um die vorgelagerten Inseln Green Island (Ludao) und Orchid Island (Lanyu) zu erkunden. Ich bleibe erst einmal hier und verbringe den Nachmittag damit, Taitung zu beschnuppern.
Ankunft mit Adrenalinkick
Der Weg vom Bahnhof zu meiner Unterkunft ist kurz, aber hat es in sich. Plötzlich stehe ich mitten in einer Militärübung! Soldaten in voller Montur sichern die Seitenstraßen rund um den Bahnhof und proben für den Ernstfall während ich – völlig überfordert – versuche, nicht im Weg zu stehen.
Bedrohlich wirkt das Ganze nicht. Eher kurios. Ich habe das Gefühl, die Soldaten wissen mit mir genauso wenig anzufangen wie ich mit ihnen. Sie sind bemüht, mir keine Angst zu machen und trotzdem auf ihre Übung fokussiert zu bleiben.
Ein schneller Schlenker durch eine Seitengasse bringt mich schließlich an mein Ziel: das On My Way Taitung Hostel. Ich atme tief durch, als ich von ein paar holländischen Jungs in die kühle Lobby eingelassen werde und in eine andere Welt eintrete. Gedanken an kriegerische Auseinandersetzungen lasse ich vor der Tür.
Düsenjets und Dankbarkeit
Dennoch sind sie eine Realität, mit der man sich als Tourist in Taiwan auseinandersetzen muss. Taitung liegt an Taiwans exponierter Ostküste – und das Militär ist allgegenwärtig. Nur Tourist:innen blicken irritiert nach oben, wenn Düsenjäger über den Himmel zischen. Die Einheimischen bleiben unbeeindruckt. Der Verteidigungsfall ist hier keine abstrakte Idee, sondern Teil des Alltags.
Das lässt mich innehalten. Wir leben in Deutschland in so großer Sicherheit, dass bei uns ein Hubschrauber, der zur Münchner Sicherheitskonferenz über der Stadt kreist, schon für Aufregung sorgt. Hier in Taiwan ist Frieden kein gegebenes Gefühl – sondern ein Zustand, den die Leute hier täglich hoffen, behalten zu dürfen.
Es ist einer dieser Momente, in denen Reisen Demut lehrt. In welch einer heilen Welt wir in Deutschland doch leben – und immer noch finden wir so vieles, über das wir uns beschweren.
Auf meinem Weg
„Life is a journey – see you on my way“ steht über der Eingangstür meines Hostels. Und der Name hält, was er verspricht: Auf meinem Weg durch Taiwan wird das On My Way zu meinem verlässlichen kleinen Ankerpunkt fernab der Heimat.
Sie übertreiben nicht, wenn sie auf ihrer Website schreiben, dass sie eines der besten Hostels in Taiwan sind. Es ist eine dieser seltenen Unterkünfte, in denen alles passt: die Lage nahe am Bahnhof, das kostenlose Leihfahrrad, das kleine, feine Selbstbedienungsfrühstück, das ab 4 Uhr morgens auf dem Tisch in der Lobby bereit steht. Ein Segen für eine Frühaufsteherin wie mich!
Das herzliche Personal macht wirklich wirklich jede Anfrage möglich.
Du brauchst Restaurant-Tipps? Kein Problem. Sie stellen dir eine ganze Karte mit ihren Lieblingsorten zur Verfügung, die du mit deinem Google Maps Account synchronisieren kannst.
Du möchtest dein großes Gepäck während einer mehrtägigen Wanderung zwischenlagern? Kein Problem. Für ein Trinkgeld verwahren sie es.
Du brauchst Empfehlungen für lokale Tourenanbieter? Kein Problem. Sie haben mir vorab sogar den Kontakt zu einer taiwanischen Reisegruppe vermittelt, mit der ich zum Jiaming Lake gewandert bin. Damit haben sie mir ein authentisches Erlebnis ermöglicht, an das ich sonst nicht herangekommen wäre – und das letztlich nicht nur zum Highlight meines Trips wurde, sondern mir als eines der beeindruckenden Reiseerlebnisse meines Lebens in Erinnerung bleiben wird.
Ich hoffe eines Tages wiederzukommen – sie haben auch Ableger in Taipei, Jiufen, Yuli und Dulan. Checkt ihre Website für weitere Informationen!
Radfahren in Taitung
Ich plausche nach dem Check-in mit einem Schweizer, der drei Monate durch Asien reist und „Taiwan nochmal sehen möchte, bevor China es übernimmt“. Diese Aussage ist ganz schön bitter, auch wenn ich verstehe, was er meint.
Dann präsentiert er mir stolz die Abschürfungen von seinen Rollerunfällen und kommentiert meine Erzählung von den Orten, die ich 2019 in Mainland China bereist habe mit „Ah die ganzen touristischen Orte also“. Ich bekomme nervige Backpacker-Vibes. Time to move on!
Ich schwinge ich mich aufs Fahrrad – das geht in Taitung wunderbar. Die Radwege sind so breit wie Straßen, Ampeln inklusive, auch wenn kaum jemand unterwegs ist.
Ich rolle durch die Hitze, vorbei an Palmen, stillen Wohnvierteln und kleinen Tempeln, in Richtung Stadtzentrum. Wer keine Lust auf Schweiß hat, kann auf E-Bikes von U Bike umsteigen, die vor dem Bahnhof parken – oder von dort aus einfach ein Taxi nehmen.
Busse? Kann ich in Taitung nicht empfehlen. Ich hab’s versucht. Funktionieren theoretisch. Praktisch kommt einfach keiner, wenn man einen braucht.
Taitungs kulinarische Seite
Ich komme zur Mittagszeit an, deshalb ist mein erster Stopp das Taimali Wonderful Lifestyle, ein charmantes Restaurant in einem alten japanischen Holzhaus. Drinnen verschafft die Klimaanlage nach der Strampelei in der Hitze Erleichterung. Das Gemüse-Tofu-Gericht ist einfach, aber köstlich.
Noch besser gefallen hat mir das Vegine – ein vegetarisches Restaurant mit Gerichten zum Selbstgestalten. Man wählt eine Nudelsuppe oder trockene Nudeln als Basis und gibt dann frisches Gemüse und Tofuvarianten aus portionierten Beuteln dazu.
Das System sieht vor, dass man dem freundlichen Koch die Wunschzutaten anhand zugehöriger kleiner Holztäfelchen kommuniziert, auf denen in Mandarin die Bezeichnungen stehen. Was genau ich bestelle, sehe ich trotz freundlicher Unterstützung von Google Translate erst, als es vor mir auf dem Tisch landet. Da alle Zutaten vegetarisch sind, kann aber nichts schief gehen.
Meine Favoriten unter den add-ons: Tofuhaut und Kürbis. Alles ist frisch, gesund und mit Liebe zubereitet. Der Besitzer bedient mich mit so viel Wärme, dass ich gleich zwei Mal dort essen gehe.
Und dann gibt’s noch Chen’s Mochi – eine echte Institution! Die Sorten mit Drachenfrucht und Erdnuss sind so gut, dass ich kurz überlege, ob ich den Rest der Reise nur noch von Mochi leben sollte.
Unbedingt empfehlen kann ich euch auch den Carrefour Store Taitung. Egal ob ihr eine Powerbank kaufen wollt, oder euch mit einer Lunchbox, Brot, Obst oder Snacks ausstatten wollt – dieser Carrefour hat alles. Interessantes Shopping-Erlebnis und Running Sushi im Souterrain inklusive.
Kunst, Kaffee und Küstenwind
Nach meinem Lunch schwinge ich mich trotz sengender Hitze auf mein Radl und bemühe mich die Stadt zu erkunden. Es ist schwierig. Die Temperaturen an Taiwan’s Küsten sind ein anderes Level. Auch für hitzeliebende Menschen wie mich.
Dennoch steuere ich das Railway Art Village an, eine Ansammlung von Shops, Gallerien und Cafés in einem den Meereswellen nachempfundenen Gebäude. Nachts ist der Spot schön beleuchtet und belebt. Tagsüber ist tote Hose, weshalb ich mich nicht lange aufhalte.
Im Starbucks dort lässt es sich allerdings sehr schön verweilen. Pro Tipp: Der Refill für einen Americano kostet dort nur 50 TWD. Das wird nicht groß beworben, klar. Deshalb: Einfach fragen. Ebenfalls schön für eine Kaffeepause im Zentrum ist mein all-time-favourite Louisa Coffee. Oder direkt neben dem Bahnhof Taitung, das Cham Café.
Karaoke im Park
Weiter geht es in den Liyu Mountain Park, eine ausgedehnte Parkanlage mit einem Tempel und einem Netz von Spazierwegen, die zu verschiedenen Aussichtspunkten führen. Oben öffnet sich der Blick bis zum Meer. Ich genieße es, mich unter die Einheimischen zu mischen, die im Park Sporteln, Telefonieren und sogar Karaoke singen.



Und dann ist da noch ein westlicher Tourist, der, genauso verschwitzt wie ich, die Treppen zu einer der Aussichtsplattformen erklimmt. Wir grüßen uns mit verstohlenen Blicken. Merkt ihn euch gut: Wir werden ihm wieder begegnen!
Ein Stück Paradies
Für mich und mein Radl geht es weiter ans Meer. Der erste Berührpunkt mit Taiwan’s Urkraft von einem Ozean ist für mich der Haibin Park. Von dort führt ein Radweg entlang der Küste über den Taitung Seashore Park zum Taitung Forest Park, einer riesigen, grünen Oase mit Teichen, Gärten, baumbestandenen Alleen und Wegen, die immer wieder an die Küste führen.
Am Eingang werde ich von freundlichen Menschen an einem unscheinbaren Konktrollpunkt gestoppt und gebeten eine geringe Gebühr zu entrichten. Gerne! Denn der Park ist ein Highlight, das ihr in Taitung auf jeden Fall mitnehmen solltet. Ihr zahlt wenig und bekommt dafür ein Stück Paradies.
Die Ausmaße des Parks sind gigantisch. Ich kann von dort bis fast ganz zurück zu meinem Hostel fahren. Wie überall sonst, ist auch hier nichts los. Alle paar Meter befinden sich sanitäre Anlagen. Und es ist angenehm schattig.
Der Wind rauscht durch die Baumwipfel, die Sonne glitzert auf dem Wasser. Die Stadt scheint kilometerweit entfernt. Ich habe das Gefühl, dass Taitung hier nicht endet, sondern eigentlich erst richtig anfängt.
Im zweiten Teil dieses Artikels nehme ich euch mit auf eine Hop-on-hop-off-Tour entlang der Küste. Und wir begegnen dem Mann aus dem Liyu Mountain Park wieder. Bleibt gespannt!












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