Chishang: Taiwan’s Reiskorb

Als ich in Chishang aus dem Zug steige, trifft mich der Kulturschock. Nach Städten wie Taipei und Hualien bin ich nun wirklich auf dem Land angekommen: Keine Hochhäuser, keine hupenden Motorroller, kein Lärm. Nur Reisfelder, soweit das Auge reicht.

Willkommen auf dem Land

Noch bevor ich den Bahnhof verlasse, fängt mich eine geschäftstüchtige Frau ab. Sie will mir das verkaufen, was hier alle brauchen: ein Leihfahrrad, mit dem es sich gemächlich durch Chishang’s berühmte Reisfelder rollen lässt. Sie überwindet die Schüchternheit, die viele Taiwaner:innen gegenüber ausländischen Gästen haben: business is business!

Chishang Banhof

„150 TWD“, schreibt sie in ihre Übersetzungs-App.

Nach meinen Recherchen ein fairer Preis. Wir haben einen Deal und wenig später sitze ich auf meinem Leihbike. Eine Sightseeing-Karte auf Mandarin, die ich nicht lesen kann, und einen Regenmantel, den ich hoffentlich nicht brauchen werde, gibt’s gratis dazu.

Vermutlich werdet ihr gar nicht die Chance haben, zu suchen, weil ihr bei Ankunft direkt abgefangen werdet. Falls aber doch, hier die Adresse des Bike-Shops: TR9-Chishangzu Station.

Bagel zum Verlieben

Bevor die Erkundungstour beginnt, brauche ich Stärkung. Und wähle dafür das charmante BIKE DE KOFFIE, das nur wenige Schritte neben dem Bahnhof liegt.

Dort werden täglich frische Bagel aus Reis und weiteren regionalen Zutaten gebacken. Ich nehme das Tages-Spezial: einen köstlichen lila Süßkartoffel-Bagel. Dazu einen Cappuchino in einer sehr dekorativen Tasse.

Süßkartoffel-Bagel

Mit der Begeisterung eines Menschen, der liebt, was er tut, präsentiert mir der Besitzer seine Speisen in fließendem Englisch. Die Atmostphäre ist einladend und gemütlich. Ich schalte sofort drei Gänge herunter. Ein perfekter erster Eindruck – Chishang, ich habe große Erwartungen.

Holsprige Homestay-Ankunft

Nicht ganz so geschmeidig läuft der Check-in in meiner Unterkunft für diese Nacht. Das schlichte Haus mit Balkonblick über die Reisfelder (auf Google Maps zu finden unter 金有的旅店) liegt nur wenige Radminuten vom Bahnhof Chishang entfernt. In nächster Nähe gibt es einen großen 7/11 und einen ebenso großen Family Mart, in denen man sitzen und frühstücken kann.

Ich möchte nur meinen Rucksack abstellen und direkt weiterziehen, stehe aber vor verschlossener Tür. Eine Erfahrung, die ich noch mehrfach in Taiwan machen werde: Bei privaten Unterkünften sind die Check-in Zeiten absolut bindend. Man stimmt sich vorher mit den Inhaber:innen ab und es gibt keinerlei Flexibilität, Zimmer früher oder später zu beziehen. Ebenso wird meist nur Bargeld zur Zahlung akzeptiert.

Homestay Deluxe

Was aber immer funktioniert, ist das Gepäck vorher abzugeben – auch nach den Anlaufschwierigkeiten in Chishang. Die Inhaberin rollt extra mit dem Motorrad an, um mich einzulassen. Die Frau ist liebenswert, die Kommunikation ist allerdings auch mit Google Translate kaum möglich und im gesamten Haus gibt es kein einziges englisches Schild.

Das Zimmer übertrifft dafür jegliche Erwartungen: makellos sauber, mit bequemem Bett, geräumiger Dusche, einem Schreibtisch und Balkon mit Blick auf Chishang’s Reisfelder. Nach elf Tagen in Schlafsälen fühlt sich das luxuriös an.

Nur eines macht mich unruhig: Es gibt einige streunende Hunde, die nachts bellen und tagsüber vor den Hauseingängen liegen. Sie sind zum Glück harmlos – und gegen das nächtliche Chaos helfen Ohrenstöpsel, ohne die ich definitiv niemals eine Reise antreten würde.

Lunchbox-Liebe

In Taiwan sind Railway Bentos echt ein Ding. Sie sind mehr als nur Essen, sondern Teil der Reisekultur. Die preiswerten Lunchboxen gibt es für 110-150 TWD. In den Bahnhöfen werden sie von der Taiwan Railway (TR oder TRA) angeboten. Viel besser sind aber die Boxen der privaten Verkäufer in den umliegenden Straßen. Es gibt sie mit Fleisch, Fisch oder Fleischersatz

Delightful ricebox, joyful life!

Die Railway Bentos in Chishang und Guanshan gelten als die besten des Landes, weil in ihnen der Reis der Region steckt. Es gibt verschiedene Orte in der Stadt, an denen man sie verkosten kann. Ich entscheide mich für das Chishang Lunchbox Museum 悟饕池上飯包文化故事館 – unverkennbar durch die alte Dampflok, die vor der Türe geparkt ist. Einer der alten Waggons wurde zum Restaurant umfunktioniert.

Ich entscheide mich für die To-Go-Variante und nehme mir gleich zwei Fisch-Bentos mit auf die Fahrradtour. Lunch und Dinner: gesichert! Beide Boxen sind lecker, wenn auch etwas fettiger als erwartet. Von einem Einheimischen wurde mir Chishang lunch box als Alternative empfohlen. Leider habe ich es nicht mehr geschafft, die Bentos dort zu testen.

Reisfeld-Romantik

Dann kommt der Moment, auf den ich mich seit Tagen freue. Ich schwinge mich auf mein Fahrrad und tauche in Chishang’s berühmte Reisfelder ein. Sie stehen zu dieser Jahreszeit in voller Blüte. Wie ruhige grüne Wellen, rollen sie auf den grauen Horizont zu. Die Wolken schützen mich vor der Sonne, der Regen bleibt aus: das perfekte Wetter zum Radeln!

Chishangs Reisfelder sind eine andere Liga

Vom Besucherandrang, den man hier üblicherweise erwarten muss, ist heute keine Spur: Unter der Woche und an Tagen mit durchwachsenem Wetter habe ich einen der bekanntesten Touri-Spots in Taiwan ganz für mich. Die einzigen Geräusche, die die Stille durchbrechen sind Vogelrufe, das Rauschen des Windes und das Klicken meiner Pedale.

Da ich die Sightseeing-Karte des Fahrrad-Verleihs nicht lesen kann, folge ich der Route von Nick Kembel hier. Sein Blog Taiwan Obsessed ist zu meinem treuen Reisebegleiter geworden. Ihr findet dort nicht nur tolle Sightseeing-Empfehlungen, sondern auch hilfreiche Anleitungen zum Buchen von Fahrkarten, Leihrädern oder Schließfächern.

Dapo Pond

Der erste Tour-Stopp ist der Dapo-Pond, ein Teich mit spiegelglatter Oberfläche, um den ihr entspannt einmal herum radeln könnt. Dann geht es die Jinxin No. 2 Road (錦新二號道路) entlang, die euch spektakuläre Ausblicke auf Chishang’s endlose Reisfelder bietet.

Es gibt Orte auf der Welt, die weitaus berühmter für Reisfelder sind: auf Bali, in Vietnam, in Südchina. Ich war an all diesen Orten, aber hands down, die Reisfelder in Chishang haben mich am meisten beeindruckt. Vielleicht liegt es am ausbleibenden Massentourismus. Oder daran, dass ich endlich einmal zur richtigen Jahreszeit vor Ort bin, um Reisfelder in voller Blüte zu sehen.

Jinyuen Laundry Pavillion

Der nächste point of interest entlang der Straße ist der Jinyuen Laundry Pavillion (錦園洗衣亭). Dort könnt ihr euch bildlich vorstellen, wie Frauen früher ihre Wäsche von Hand in einem Bewässerungskanal für die Reisfelder gewaschen haben.

Laundry Pavilion

Ein weiterer lohnenswerter Stopp ist der Great View Pavilion (大觀亭) – eine Aussichtsplattform, die ihrem Namen mit einem beeindruckenden Rundum-Blick auf die Felder, alle Ehre macht. Ihr seht von dort aus auch bereits das Highlight der Tour: den Brown Boulevard.

Giant Waterwheel

Vorher passiert ihr aber noch das Chishang Huge Waterwheel (池上大水車). Bis hierher war ich außer zwei Jungs auf dem Motorrad und einem Mutter-Tochter-Gespann komplett alleine unterwegs. Nun wird es etwas geschäftiger. Viele Besucher:innen steuern gezielt den Brown Boulevard an und drehen keine größeren Kreise in der Umgebung.

Giant Watewheel

Mir kommen Taiwaner:innen auf allerlei lustigen, überdachten Gefährten entgegen, in denen die ganze Familie samt Proviant Platz findet. Sie winken mir im Vorbeifahren fröhlich zu. Ich bin sehr amüsiert von dieser taiwanischen Version des Bollerwagens.

Brown Boulevard

Hier sind sie also, die fotografierenden Traveller! Vor mir liegt der legendäre Brown Boulevard mit dem ikonischen Takeshi Kaneshiro Tree – berühmt geworden durch einen in die Jahre gekommenen Werbespot der taiwanischen Fluggesellschaft Eva Air.

Der Baum, der das Ende des Boulevards markiert, ist nach dem japanischen Schauspieler benannt, der in dem Werbefilm zu sehen war.

Der Brown Boulevard hat seinen Namen durch die taiwanische Dosenkaffee-Marke Mr Brown erlangt, die ebenfalls einen Werbespot an diesem pittoresken Ort gedreht hat.

Boulevard-Begegnungen

Es kitzelt mich nach einem Selfie vor dieser tollen Kulisse. Ich komme nicht einmal dazu, Umstehende um Hilfe zu bitten, denn ein freundlicher Taiwaner namens Charlie spricht mich vorher an. Charlie lebt eigentlich in Washington D.C. und ist gerade auf Heimaturlaub.

Fotoshooting auf dem Brown Boulevard

Nachdem das Foto vor dem Baum im Kasten ist, machen wir weiter Smalltalk und radeln den Boulevard entlang, bis wir zu ein paar Bänken, einem kleinen Kiosk und einer Statue von Mr. Brown himself neben einem kreativen Selfie-Frame kommen.

Charlie assistiert mir (und anderen Touris) bei einer kleinen Fotosession. Ich erfahre, dass er gerade eine Radtour um die Insel macht und ursprünglich aus Chishang kommt. Er hat drei Töchter und liebt das Reisen. Begeistert erzählt er mir von seinen Trips nach Portugal, Frankreich – und Köln!

Bevor sich unsere Wege trennen, versorgt mich Charlie mit Tipps für meinen restlichen Aufenthalt in Chishang: vom Lunchbox-Restaurant bis zur Kunstgallerie. Er verabschiedet sich mit den Worten: „If you ever need help in Taiwan, call me. Really.“

Das rührt mich. Schon in Hualien hat mir die Künstlerin Alice dasselbe angeboten. Taiwan mag klein sein – aber die Herzen der Menschen sind groß. Als Alleinreisende in einem fremden Land beruhigt mich das Wissen, dass es zwei Telefonnummern gibt, die ich im Notfall anrufen könnte. Ich bin tief beindruckt, dankbar und fest entschlossen Tourist:innen in Deutschland künftig dieselbe Hilfe anzubieten.

Charlie radelt weiter und ich genieße meine Lunchbox mit Blick auf den Brown Boulevard. Dann drehe ich eine lange, gemütliche Runde zurück nach Downtown Chishang.

Als ich mein Rad am späten Nachmittag retourniere färbt sich der Himmel über den Reisfeldern golden. Von meinem Balkon aus beobachte ich den Sonnenuntergang, esse Bento 2/2 und höre fern die Dorfhunde bellen.

In Taiwans „Reiskorb“, scheint die Zeit ein paar kostbare Momente lang stillzustehen.

Verfasst von:

Hallo! Mein Name ist Daniela. Ich arbeite im Marketing und lebe in München. Wenn ich nicht gerade arbeite oder reise, übe ich traditionelle Kampfkunst, Yoga oder mache Wanderungen in den bayerischen Voralpen. Schön, dass du hier bist und Teil meines Weges sein möchtest.

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