Der Besuch der Hafenstadt Keelung an Taiwans Nordküste war für mich eine echte mixed bag. Der zweite Tagesausflug, mit dem ich meine Kreise um Taipei erweitere, zieht mich erneut ans Meer.
Keelung verspricht bunte Häuser, Hafenruinen, in Klippen gebaute Tempel und einen berühmten Nachtmarkt. Es ist mein letzter Stopp, bevor ich die Hauptstadt verlasse und meine Rundreise entlang der Ostküste starte. Meine Erwartungen sind hoch. Vielleicht ist genau das der Fehler?
Lost in Translation: Zugfahrt nach Keelung
Schon die Zugfahrt ist ein Abenteuer. Ich stehe am Bahnhof, Handy in der Hand, Schriftzeichen vor Augen, die ich nicht entziffern kann. Neben mir drei thailändische Mädels, die genauso lost sind. Wir schließen uns kurzerhand zusammen und schaffen es mit unserer Schwarmintelligenz den richtigen Zug zu boarden. Der Austausch ist warmherzig, unsere geteilte Ratlosigkeit und der Kampf mit der Sprachbarriere schweist uns für kurze Zeit zusammen. Die einstündige Zugfahrt vergeht im Handumdrehen.
Bunte Fassaden im Zhengbin Harbor
In Keelung trennen sich unsere Wege. Eine der Thai-Girls bleibt am Check-out hängen, da sie nicht genug Guthaben auf ihrer Easy Card hat. Ich verabschiede mich und schnappe mir den ersten Bus nach Zhengbin Harbour. Dort wartet ein Instagram-Hotspot, wie er im Buche steht: eine Reihe kunterbunter Häuser, die sich wie Zuckerwürfel entlang des Hafenbeckens aufstapeln.
Ich gebe zu – ja, ich bin für dieses eine Foto hier. Zwischen Möwengeschrei und Hafenwind verpflichte ich beistehende Tourist:innen, mich abzulichten. Da das hier Taiwan ist, sind auch Hotspots wie dieser zum Glück nur moderat besucht.
Ein paar Schritte weiter liegen die Überreste einer alten Werft – die rostigen Stahlträger, die an Keelungs industrielle Vergangenheit erinnern, sind imposant und ebenfalls sehr fotogen.
Heping Island: Spaziergang mit Hindernissen
Von dort führt mich eine Brücke nach Heping Island. Mein Plan: zum Sheliao East Fort laufen und enlang verschiedener Aussichtspunkte zum Seawater Wading Pool wandern. In der Theorie ein guter Plan. Die Realität: Es hat heute 35 Grad, es ist weit und breit kein Schatten in Sicht und ich bin nach wenigen Metern bereits in Schweiß gebadet. Die Hitze an Taiwans Küste ist brutal. Meine Motivation schmilzt Schritt für Schritt.
Vorerst lenkt mich noch der charmante Fischmarkt ab, der sich am Eintrittspunkt der Insel, rechts neben der Brücke ausbreitet. Eifrige Marktfrauen versuchen mich in ihre Restaurants zu locken. Auf einer Mauer zum Straßenbedecken liegt ein toter Kugelfisch, den ich mit morbider Faszination fotografiere. Ein schlechtes Omen?
Ich folge der Google-Maps-Route zum Fort und nachdem ich den Markt hinter mir gelassen habe, wird es plötzlich still. Keine Menschenseele weit und breit. Stattdessen zwei Wachhunde, die anschlagen, als ich vorbeigehe und direkt auf mich zu rennen. Mittlerweile habe ich meine Angst vor Hunden soweit im Griff, dass ich unbeirrt weiter gehe und ihnen damit signalisiere, dass ich keine Gefahr für sie bin. Aber innerlich bricht mein Körper in Stress aus.
Wenige Meter später stehe ich in einer verlassenen, unheimlichen Umgebung vor einem verschlossenen Tor, das mir den weiteren Weg versperrt. Ende Gelände. Es bleibt mir nichts anderes übrig als wieder an den tobenden Hunden und immer noch sehr charmanten Marktfrauen vorbei und zurück zur Brücke zu gehen.
Ich überlege kurz, ob es sich lohnt, entlang der weniger attraktiven Hauptstraße zum Seawater Wading Pool zu gehen oder ein Taxi dorthin zu nehmen. Mein ehrliches Resumee: Ich bin fix und fertig und der Aufwand scheint mir zu groß für ein für mich persönlich nur mäßig attraktives Ausflugsziel.
Lunch mit Hafenblick
Ich pilgere zurück zu den bunten Häusern. Angenehme Überraschung: Ich laufe dort den Thai-Mädels aus dem Zug wieder in die Arme. Scheinbar haben sie die gesamte Zeit seit unserer letzten Begegnung in ein intensives Fotoshooting vor den Häuschen investiert. Nun wollen sie mit einem Taxi weiter nach Heping Island. Ich wünsche ihnen Glück.
Ich muss definitiv erst einmal meine Batterien wieder aufladen und entscheide mich für eine frühe Mittagspause im Tuman Café – einem der zahlreichen hippen Lokale, die in die bunten Hafen-Häuser eingezogen sind.
Die Portion Curry-Udon mit Tintenfisch ist gemessen am Preis klein, schmeckt aber und die Klima-Anlage mitsamt dem Gratis-Wasser retten mich vor einem Hitzeschlag. Ich lehne mich zurück, genieße das stylishe Interieur im Industrial-Stil und gönne mir eine ausgiebige Pause. Der Heping-Island-Fail hat ertaunlich stark an meinen Kraftreserven gezehrt. langsam spüre ich, dass ich schon eine Woche lang von früh bis spät Sightseeing mache.
Hitze, Höhenmeter und goldene Löwen: Zhongzheng Park
In der zweiten Tageshälfte nehme ich den Bus zum Zhongzheng Park. Der Lonely Planet empfiehlt diese Strecke als Spaziergang. Spoiler: Don’t do it! Die Distanz ist viel größer als Google Maps vermuten lässt und von der Hitze in Taiwans Küstenstädten habe ich euch ja bereits eine Kostprobe gegeben.
Zu meiner Erleichterung lohnt sich der Abstecher. Das Stadtviertel rund um den Park ist belebt und voll netter kleiner Restaurants, Cafés und Shops. Der Park selbst hält liebwürdige kleine Attraktionen bereit. Zum Beispiel dieses Totoro Mural hier.
Und auch wenn es wieder mit einem kleinen Aufstieg verbunden ist, folge ich der Beschilderung zum Big Buddha Park, wo mich eine von zwei goldenen Löwen flankierte Statue der Göttin Guanyin erwartet.
Good to know: Guanyin steht im Buddhismus für Mitgefühl und Barmherzigkeit und wird deshalb auch oft mit einer veganen Ernährung assoziiert. Sie ist die weibliche Verkörperung des bodhisattva avalokitesvara, der in Indien als Mann und in China als Frau dargestellt wird.
In der Hitze wird der kurze Spaziergang auf die Anhöhe wieder zum Kraftakt. Oben angekommen kaufe ich einer strategisch positionierten Souvenirladen-Betreiberin eine Flasche gekühlten Grüntee ab und trinke sie in einem Zug aus. Ich bemerke, dass die Taiwaner:innen in Keelung gutes Englisch sprechen. Das Erbe einer Hafenstadt, die historisch von Internationalität geprägt ist?
Mit mir sind ein grummeliges deutsches Ehepaar und deren taiwanische Nanny vor Ort, die mit den zwei Kids die große Tempelglocke schlägt und Feuerwerk abbrennt. Der Schwarm Tauben, der hier nistet, findet keine Ruhe. Ein nettes Detail für meine Bilder. Der Ort scheint eine beliebte Familiendestination zu sein. Vor dem Eingang gibt es sogar einen Autoscooter – ziemlich entrückt in dieser göttlichen Umgebung.
Gefälschter Aal und Adapter-Chaos
Back in town kehre ich in dieses leckere Veggie-Restaurant 拾日飯堂(信四店) ein. Der Koch ist wahnsinnig engagiert und gibt mir eine exzellente Beratung auf Englisch. Er fragt mich sogar, welche Art von Vegetarierin ich bin: Konsumiere ich Milchprodukte? Sind Eier okay? Hier wird allen Ernährungsgewohnheiten Rechnung getragen. Meine Wahl fällt auf das Lunch Menü mit Aal-Imitat Es ist köstlich – ein Glücksmoment an einem durchwachsenen Tag.
Lange hält der Frieden leider nicht an. Ich stelle erschrocken fest, dass mein Universaladapter den Geist aufgegeben hat, vermutlich wegen der Feuchtigkeit. Der Gedanke, so weit von Taipei ohne Handy unterwegs zu sein, lässt Panik in mir aufsteigen. Ohne Google Maps finde ich hier keine Wege, kann mich nicht verständigen. Ich erschrecke vor meiner Smartphone-Abhängigkeit und denke mit großem Respekt an mein jüngeres Ich, dass sich 2012 ganz ohne mobile Daten durch Kuala Lumpur navigiert hat.
Es hilft nichts. Ich lege notgedrungen einen Shopping-Stopp im Elektro-Fachmarkt nebenan ein. Naja, eigentlich sind es zwei. Denn mein erster Adapter ist aufgrund der Kommunikationsbarriere ein Fehlkauf. Der zweite Anlauf führt zum Erfolg und ich kann wieder durchatmen. Was für ein Tag!
Erlösender Regen
Inzwischen ist es 16.00 und das Wetter schlägt um. Eigentlich hatte ich noch vor, die Buddha’s Hand Cave zu besuchen. Die Höhle hat ihren Namen von einer an eine Buddha-Hand erinnernden natürlichen Felsformation, die als Symbol für Wohlwollen und Schutz gilt. Diese geologische Besonderheit in Verbindung mit Blicken auf Keelungs Küste macht die Höhle zum Besuchermagnet.
Der Besuch hätte allerdings eine weitere Busfahrt mit entsprechendem Navigationsaufwand erfordert. Der einsetzende Sturzregen nimmt mir die Entscheidung ab. Wenige Minuten, nach meiner Entscheidung, aus Energiemangel auch den Nachtmarkt zu skippen (kennst du einen, kennst du alle) beginnt es, wie aus Eimern zu schütten!
Am Busbahnhof, das richtige Gefährt zurück in die City zu finden ist ein weiterer Kraftakt. Mit Durchfragen beim Schalterpersonal gelingt es mir letztlich. Als einzige Ausländerin im voll-besetzten Bus, lasse ich mich tief in den Sitz sinken und genieße für eine Stunde das süße Nichtstun. Keine Wege suchen, keine Kommunikation. Ich schaue einfach nur aus dem Fenster heraus und lasse die verregnete Landschaft an mir vorbei ziehen.
Die Kunst des Loslassens
Zurück in Taipei, lasse ich den chaotischen Tag mit gemütlichem Abhängen in der Gemeinschaftslounge des Star Hostel Taipei East 合星青年旅館 ausklingen.
Good to know: Wenn ihr ein schnelles, gesundes und unkompliziertes Essen in Taipei sucht, ist Miss Energy euer Girl. Es gibt dort günstige Boxen zum Mitnehmen. Ich habe dort mehrfach gegessen. Mein Favorit: Die Box mit Makrele. Aber Achtung: Reis ist schon mit dabei. Macht nicht denselben Fehler wie ich und bestellt ihn extra dazu.
Der Tag war nicht leicht und es lief auch nicht alles rund. Aber es gab schöne Momente, für die ich dankbar bin. Keelung ist kein Ort, in den ich mich verliebt habe. Aber einer, an dem ich viel über mich selbst gelernt habe: über Erwartungen, Hitzegrenzen und das Loslassen.
Wenn ihr vor der Wahl steht, würde ich euch raten, einem der vielen Ausflugsziele entlang der Pinxi Railway Line den Vorrang zu geben. Dort bekommt ihr wahrscheinlich mehr geboten, für weniger Schweiß. Aber hey – manchmal sind es genau die Orte, die nicht perfekt sind, die uns am eindrücklichsten im Gedächtnis bleiben.

















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